Timm Wille: Eine Kreislaufwirtschaft funktioniert nicht ohne Open-Source-Lösungen!

Handys und weitere technische Geräte nach Ende der Lebensdauer zurück zum Produzenten? Führt zu einer Überlastung unserer Transportinfrastruktur. Die Lösung? Geräte modularisieren und damit vor Ort reparier- und recyclebar machen. Eine Grundvoraussetzung dafür: Open-Source-Schnittstellen oder weitergehend – ein Recht auf Reparatur.

In diesem Interview aus der Reihe „Digitalisierung und Zivilgesellschaft“ hat uns Timm Wille einige spannende Ansätze zu den Themen Open-Source-Hardware und Freiem Wissen vorgestellt.

Timm Wille ist Gründer und einer der Vorstände des Vereins von Open Source Ecology Germany. Er ist studierter Maschinenbauer im Fachbereich „Erneuerbare Energien“ und arbeitet als freiberuflicher Ingenieur und Dozent.
Im Kontext von Open Source Ecology engagiert er sich ehrenamtlich.

Woran arbeitest Du gerade im Bereich der Digitalisierung?

Ich arbeite in verschiedenen Organisationen, u.A. bei Open Source Ecology Germany. Gerade die Frage der Digitalisierung spielt dort eine große Rolle. Open Source Ecology beschäftigt sich mit dem kollaborativen Entwickeln von Technologien und das Öffnen (Open-Source-Stellen) dieser Baupläne sowie Netzwerkarbeit drumherum. Vieles davon spielt sich im digitalen Raum ab.

Als Person bin ich nicht nur für Open Source Ecology unterwegs, sondern fördere auch generell Netzwerkarbeit im digitalen Raum. Mich interessieren dabei besonders digitale Plattformen und Tools, die ich erprobe und deren Zusammenspiel ich fördern möchte. Mein Ziel ist dabei, dezentrales, kollaboratives Zusammenwirken zu stärken.

Daraus ergeben sich Chancen, den Wandel unserer Welt zu gestalten – sei es im Bereich der Technologieentwicklung, Kommunikation im Allgemeinen oder in der Wirtschaft. So können wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen und unsere Welt zukunftsfähig bzw. „enkeltauglich“ gestalten.

Was ist eigentlich Open Source Ecology?

Bei Open-Source-Ecology (OSE) geht es darum, eine Open-Source-Wirtschaft aufzubauen, die sowohl soziale als auch ökologische Aspekte berücksichtigt. Diese sorgt für eine bessere Verteilung von und einen leichteren Zugang zu Informationen. Wir haben einen kollaborativen Ansatz, der so genutzt wird, dass Technologieentwicklung modularisiert wird – d.h. einzelne Elemente können durch ähnliche ausgetauscht oder neu kombiniert werden. So lassen sich Technologien auch skalieren, sprich: im größeren Maßstab anwenden.

Uns begeistert auch die Idee des reproduzierbaren Unternehmens – dadurch dass alles open-source und modular ist, lässt sich ein Unternehmen beliebig nachbauen und auf eigene Bedürfnisse anpassen. An solchen Modellen arbeiten wir gerade und erproben diese an verschiedenen Standorten (sog. OpenEcoLabs), die überwiegend selbstverwaltet sind. 2016 haben wir den Verein Open Source Ecology Germany e.V. gegründet, um die gemeinnützigen Bereiche Forschung, Entwicklung und Bildung überregional zu bearbeiten.

Hier kommt die Digitalisierung wieder ins Spiel. Dadurch, dass wir über mehrere Orte in Deutschland und auch teilweise international vernetzt sind, brauchen wir technologische Hilfsmittel, um in Kontakt zu bleiben. Dabei nutzen wir diverse Open-Source-Techologien – Wiki, Forum, Blog, Website, Etherpads, Git. Einige unserer Projekte organisieren wir noch über Trello und viel unserer Kommunikation läuft über Telegram. Da der Verein noch recht jung ist, erproben wir gerade verschiedene Tools zur Selbstverwaltung, da entwickelt sich gerade so einiges.

Die Öffentlichkeit erreichen wir mit unserem Wiki, in dem diverse Baupläne dokumentiert sind. Im Hintergrund passiert aber auch recht viel, insbesondere beim Ausbau der Kooperationen und Standorte. Da wird sich dieses Jahr einiges tun.

Logo Open Source Ecology Germany

Was treibt Dich persönlich an?

Das ist eine gute Frage, zumal ein Großteil meiner Arbeit ehrenamtlich passiert 😉

Ursprünglich komme ich aus der „grünen“ Bewegung, bin viel Fahrrad gefahren und habe schon früh begonnen, da dran rumzuschrauben. Da entflammte meine Leidenschaft dafür, Dinge zu reparieren, haltbarer zu machen und auf der technologischen Basisebene zu verstehen. Studiert habe ich später dann Maschinenbau mit dem Schwerpunkt „Erneuerbare Energien“ und in meiner Freizeit habe ich mitgeholfen, Werkstätten aufzubauen. Heute bin ich freiberuflicher Ingenieur.

Dadurch habe ich mitbekommen, welche Möglichkeiten auf der technischen Seite alle bereits existieren. Seit 2013 habe ich Events mitorganisiert, u.a. zum Thema „Kreislaufwirtschaft“, oder habe mich mit „ressourcenbasierter Wirtschaft“ auseinandergesetzt sowie mit wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Verbesserungspotenzial. Es gibt einige Herausforderungen, vor der wir als Gesellschaft stehen. Es gibt schon einige Lösungen, doch von unseren Möglichkeiten nutzen wir derzeit recht wenig.

2015 habe ich meine Tätigkeiten auf Open Source Ecology konzentriert, denn ich sehe großes Potenzial in Open Source bzw. Open Knowledge. Damit lassen sich innerhalb des bestehenden Systems Prozesse verändern. Insbesondere mit digitalen Plattformen ergeben sich Möglichkeiten, ganz neue transformative Prozesse anzustoßen.

In der sozial-ökologischen Szene wird auch gerne das Bild eines Schmetterlings in der Metamorphose verwendet. In der eingepuppten Raupe bilden sich unabhängige Imagozellen, die zunächst vom Immunsystem der Raupe bekämpft werden, sich aber anschließend zu Clustern bilden, vernetzen und irgendwann die Raupe ersetzen. Für einige Menschen ist das ein Grund, Lösungen „am System vorbei“ entwickeln zu wollen. Was hältst Du davon?

Ich denke, dass das eine das andere nicht ausschließt. Wenn man Technologien frei teilt, kann man sie sowohl mit neuen Strukturen nutzen als auch innerhalb bestehender. Open-Source-Hardware kann sowohl ein klassisches Unternehmen als auch eine alternative Bewegung nutzen, die z.B. auf einer Schenk-Ökonomie basiert. Dadurch dass es erst einmal frei zur Verfügung steht, wird keiner ausgeschlossen. Im Gegenteil – es gibt gleiche Chancen für alle. Das nenne ich auch das „Diffusionsprinzip“. Neue Prozesse diffundieren in die bestehenden Strukturen hinein. Mit Hilfe einer „Copyleft“ Lizenz lässt sich z.B. sichern, dass frei verfügbares Wissen auch frei bleibt. Wenn man das auf transformative Prozesse übersetzt, kommt man schnell zum Kern von Open Source Ecology: neue Lösungen mit der Menschheit zu teilen, offen zu halten für die generelle Nutzung und Kollaboration. Ideen müssen aber auch ausprobiert werden – daher gibt es bei OSE, die OpenEcoLabs, damit daraus praktische Lösungen werden.

Fatal fände ich es, wenn wir die bestehenden Strukturen (Werkstätten, Institute, Unternehmen usw.) links liegen lassen würden und alles komplett neu aufbauen müssten. Sicherlich gibt es einige Menschen, die solche alten Strukturen gegen alles Neue „verteidigen“ wollen. Aber gleichzeitig gibt es dort auch Menschen, die etwas bewegen wollen und motiviert sind, etwas Neues zu probieren. Ihre Motivation kommt oftmals aus ihrer Beobachtung, dass die etablierten Strukturen im dynamischen Zusammenwirken neuer Rahmenbedingungen nicht mehr so gut funktionieren.

Ich bin auch Mitglied im Berliner Komitee für UNESCO-Arbeit und beobachte dort wie auch im DIN, dass die jüngere Generation dort deutlich unterrepräsentiert ist. Organisationen mit zunehmend älteren Mitwirkenden müssen sich zwangsläufig um Nachwuchs kümmern, um auch in Zukunft noch funktionieren zu können. Aus dieser „Not“ heraus entsteht eine große Offenheit gegenüber Kooperationen mit jungen Startups, aber auch neuen Lösungsansätzen innerhalb der eigenen Organisation.

Natürlich kann man parallel dazu einfach neue Strukturen aufbauen. Nur besteht dort häufig das Problem der Finanzierung. Da muss Schritt für Schritt eine neue Infrastruktur aufgebaut werden, die zunehmend komplexere Organisationen zulässt, zum Beispiel, indem wir gute Netzwerke spannen.

Seid Ihr in Kooperation mit anderen Organisationen, die möglicherweise in diesen Bereichen aktiv sind? Wünschst Du dir Kooperationen mit bestimmten Organisationen?

Generell sind wir dafür sehr offen. Es ist aber auch eine Kapazitätsfrage. Wenn uns Organisationen kontaktieren, führt das im ersten Schritt für uns oft zu mehr Arbeit statt zu geteiltem Aufwand. Das ändert sich aber gerade.

Bei der Entwicklung von Standorten kooperieren wir z.B. mit „Wir bauen Zukunft“ zusammen. Das ist gar nicht weit von unserem OpenEcoLab in Blievenstorf entfernt. Wir haben unterschiedliche Ansätze, aber einige Gemeinsamkeiten – z.B. dass beide Werkstätten aufbauen und an Open-Source Prozessen arbeiten.

Ein weiteres Kooperationsprojekt läuft gerade mit dem DIN (Deutsches Institut für Normung) und 25 beteiligten Organisationen, teilweise international. Hier bin ich sehr auf das Ergebnis gespannt. Ziel ist es, gemeinschaftlich einen Standard zu entwickeln, was Open-Source-Hardware eigentlich ist, parallel die damit verbundenen legalen Fragen zu klären – Lizenzen, Haftung, Patentrecht usw. Auch steht dort die Frage im Raum, wie sich Open-Source zertifizieren lässt. Denn nicht überall, wo es drauf steht, ist es drin. Tesla gibt seine Patente frei und bezeichnet das als Open-Source, eigentlich ist es dies aber nicht. Es geht bei Open-Source-Hardware nicht darum, nur das Endergebnis zu teilen, sondern auch darum, die bestehenden Komponenten so zur Verfügung zu stellen, dass man darauf aufbauen und sie weiter entwickeln kann. Auch der Fertigungsprozess der Hardware sollte open-source sein.

Abgesehen davon würde ich gerne mit der Open Knowledge Foundation verstärkt zusammenarbeiten oder auch mit neu gedachten, regionalen Kreislaufexperimenten.

Es gibt dieses Global Village Construction Set, das ein beliebtes Beispiel für die Produkte von Open-Source-Ecology ist. Wie und wo wird das eigentlich eingesetzt? Und wie sind denn der Bedarf und die Resonanz in Entwicklungsländern?

Das GVCS ist sicherlich eine coole Vision und wir arbeiten da an einigen Stellen auch mit. Das sind Dinge, die wir mit OSE Germany nicht primär verfolgen, sondern wir lassen unsere Projekte bewusst freier. Wenn Regionalgruppen z.B. eine Waschmaschine entwickeln wollen, ist das auch vollkommen okay.

Der Ansatz, Open-Source-Maschinen in strukturschwachen Regionen einzusetzen, ist natürlich super spannend. Aus meiner Arbeit mit der r0g_agency in verschiedenen afrikanischen Ländern weiß ich: es sind nicht immer die großen Industriemaschinen, die man da braucht – z.B. Lasercutter. Die brauchen viel Energie und die ist nicht überall verfügbar. Daher setzen wir uns erst einmal für die Themen Energiegewinnung, aber auch Bildung ein. Wenn ich dort eine tolle Windturbine (Anm. der Redaktion: kennt man auch unter dem Begriff „Windrad“) hinstelle, ist auch zu klären, wer sich um die Technologie dort kümmert. Da bietet Open-Source-Dokumentation natürlich viel Potenzial. Die Dokumentation muss dann aber für Laien verständlich sein. Gleichzeitig darf nicht erwartet werden, dass dort jeder eine vollausgestattete Werkstatt mit CNC-Fräsen hat. Es geht also auch um Open-Source-Lowtech und die Schritte dazwischen.

Ein Windrad mag einfach konzipiert sein. Doch wie wird es gewartet, repariert und ggf. rückgebaut? Dafür braucht es möglichst offene und verständliche Dokumentation. – Bild CC0 pexels.com

Ganz klar ist Open-Source ein super Lösungsansatz, der es ermöglicht, dass überall auf der Welt Kapazitäten aufgebaut werden können.

Ich arbeite auch mit der r0g_agency zusammen daran, Bildung zu diesen technischen Lösungen zu verbreiten. Die Kapazitäten werden dadurch aufgebaut, dass wir Workshops und Trainings anbieten, um praktische Wissensvermittler zu schulen. Das kann mit einfachen Dingen wie einem Repair Café anfangen. Dazu braucht man einen Werkzeugkoffer mit den Möglichkeiten, die man vor Ort hat. Das können einfach nur ein Lötkolben und ein Messgerät sein. In der Vergangenheit konnten wir bereits mit zig Leuten aus der Community vor Ort Solarlampen, Handys und Radios reparieren, also die Infrastruktur verbessern mit nur ein paar Handgriffen. Die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet also nicht, dass man da ein paar voll ausgestattete Ingenieure hinschickt, sondern dass man Menschen einfache Technologien gibt und Know-How vermittelt, um Infrastruktur vor Ort aufzubauen. Und dafür ist Open-Knowledge essenziell.

Was würdest Du Dir vom Staat wünschen? Hast Du einen konkreten Appell?

Mein persönliches Ziel ist es, den freien Zugang zu Wissen als Grundrecht zu etablieren. Wenn man in diese Richtung auch politisch ein bisschen arbeiten könnte, wäre das großartig. Ansätze in diesen Bereichen gibt es z.B. bei den Open Educational Resources (OER), einem Ansatz, der aus der UNESCO kommt.

Die Frage ist auch, wie öffentliche Gelder verwendet werden. Ich bin der Überzeugung, dass Dinge die mit öffentlichen Geldern finanziert werden, auch Open-Source sein sollten. Gelder kommen aus der Gemeinschaft, dann sollte der Output auch der Gemeinschaft wieder zufließen und nicht in Förderprojekten versacken, die Patente schützen oder einfach nicht frei zugänglich gemacht werden.

Eine Sache, bei der der Staat ein wichtiger Akteur ist – das ist mein Herzensthema „Kreislaufwirtschaft„. Es gibt dazu ein schönes Video von Kate Raworth zur Donut-Ökonomie, das könnt Ihr hier vielleicht einbinden (Anm. der Redaktion: na klar, immer gerne)

Video: KATE RAWORTH on Creating a Circular Economy (Link auf YouTube)

Sie nimmt dabei ein Handy als Beispiel. Es wird in China produziert, nach Deutschland geliefert und müsste mit einer Kreislaufwirtschaft dann wieder nach China zurück und auseinandergebaut und wiederverwertet werden. Wenn man sich das für alle Handymodelle vorstellen würde, auch für alle Möbel und Geräte, die wir so haben und aus aller Welt zusammengestellt werden, funktioniert das nicht. Das ist schon von der Infrastruktur und Logistik her einfach nicht zu realisieren, geschweige denn ökologisch zu vertreten!

Was wir aber tun können, ist es leichter zu machen, Geräte zu reparieren – sei es im Ganzen oder erst einmal einzelne Module auszutauschen. Wenn die Schnittstellen schon einmal offen wären, dann wäre schon viel erreicht, oder wenn Reparaturanleitungen offen gelegt würden. Am weitesten würde es gehen, wenn die Reparatur als Grundrecht etabliert würde. Bei komplexeren Geräten wäre es denkbar, dies unter Beisitzen von zertifizierten ReparateurInnen durchführen zu lassen. Gerade bei Elektroautos ergibt es z.B. wenig Sinn, dass jedeR in der heimischen Garage mit dem Schraubenzieher irgendwie an der Batterie herumschraubt, in anderen Segmenten aber vielleicht schon, ich verfolge in diesem Zuge gespannt das Projekt reSono von Sono Motors.

Wenn wir von Kreislaufwirtschaft sprechen, gehört das Thema „Open Source Schnittstellen“ somit eindeutig auf den Tisch. Es birgt eine unglaubliche Chance, Ressourcen einzusparen – wir müssen die Geräte nicht neu bauen oder wieder auf einen anderen Kontinent transportieren. Auch entfällt das Müllproblem. Stattdessen können Geräte vor Ort repariert, auseinandergebaut und wiederverwendet werden. Es ist, glaube ich, sogar der einzige Weg, der funktioniert.

Wer mehr darüber wissen möchte, kann bei den „Open Source Circular Economy Days“ teilnehmen. Dort werden Ansätze gelebt und gezeigt, wohin die Reise da gehen kann.

Modularer Aufbau eines Smartphones – einzelne Komponenten wie Kamera oder Mikrofon lassen sich so einfacher austauschen – Bild CC0 pexels.com

Ihr verwendet viele Online-Plattformen und Telegram-Gruppen usw. Was sind denn Eure technologischen Favoriten und gibt es etwas, das Euch noch fehlt?

Ja und nein. Wir verwenden möglichst Open-Source-Tools, die wir gemeinschaftlich entwickeln und verbessern können. So können wir Abhängigkeiten von einzelnen Softwareherstellen reduzieren. Auch legen wir Wert darauf, diese Tools auf unseren eigenen Servern zu verwalten, um die Datenhoheit zu haben.

Was uns wirklich fehlt, ist so etwas wie GitHub für Open-Source-Hardware. GitHub kennen viele – das ist eine Plattform, wo man Quellcode von Open-Source-Programmen hochladen kann, um damit interaktiv und gemeinschaftlich zu arbeiten. So etwas für Open-Source-Hardware brauchen wir. Es gibt zwar einige Plattformen (die nicht open-source sind) wie z.B. Onshape oder so, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, da geht es aber überwiegend um CAD-Design.

Ein Open-Source-Hardware-Produkt hat aber deutlich mehr Aspekte. Nehmen wir die Windturbine als Beispiel. Da gibt es eine Simulation für die Rotorblätter, Strömungsprofile, den Triebstrang, wo Generator und Getriebe drinsitzen, aber auch Messelektronik von Wetterstationen bis hin zur Steuerung usw. Wir haben den Turm, das Fundament – also Statikelemente. Rund um eine Maschine gibt es also sehr, sehr viele Aspekte. Berechnungstabellen, Simulationsprofile, Fotos, Videos, auch CAD-Dateien, Explosionszeichnungen und technische Zeichnungen. Mit dieser Vielfalt an Medientypen muss eine Plattform zurecht kommen können. Durch den Upload von Dateien alleine – in einen Datei-Ordner – wird das überhaupt nicht angemessen visualisiert.

Eine Plattform, die open-source ist und wiki-basiert funktioniert und die ich momentan ganz spannend finde, ist wikifab.org. Wir überlegen auch in naher Zukunft da zu kooperieren. Die Frage ist, wie man Strukturen bauen kann, die so ein Versionsmanagement wie bei Git mitbringen. Git kann so etwas mit Software: Technologien hernehmen, meine eigene Version (Fork) davon erzeugen, weiterentwickeln und wieder zurückspielen. Oder man hat dort auch die Möglichkeit, eine ganz neue Technologieversion aus vorhandenen Modulen zu erzeugen. Diese Prinzipien gilt es auf Hardware zu übertragen.

Die Entwicklung dieser DIN-Norm, die wir gerade entwickeln, geht mit einer Guideline und einer Plattform einher. In der Plattform werden möglichst alle Open-Hardware-Projekte sichtbar und durchsuchbar gemacht. Wir bräuchten nur Hilfe bei jemandem, der da einen offenen Exchange-Standard entwickelt. Gibt es einen Standard, so wird es auch leichter vernetzt Informationen auszutauschen – so können Informationen, die auf der einen Plattform gebündelt werden, auch auf anderen Plattformen zum Einsatz kommen.

Was hältst Du eigentlich von der Blockchain?

Ich habe da einen direkten Projektbezug, da ich am Testen von Kryptowährungen bin. Viele Lösungen gefallen mir da nicht so gut. Das Modell „Proof of work„, das beim Bitcoin eingesetzt wird, frisst sehr viele Ressourcen. Es gibt auch Modelle wie „Proof of Cooperation“ wie bei FairCoin. Die Idee von FairCoop finde ich sehr interessant und es geht dort viel um das Netzwerk. Hier habe ich mich viel engagiert und bin mit den Leuten in Kontakt.

Ganz konkret bei OSE Germany haben wir eine Idee, für die es noch technisch versierte Menschen zur Umsetzung bräuchte (das ließe sich ggf. auch über COINSENCE organisieren). Wir wollen nämlich den ganzen Aufbau der Werkstätten ermöglichen, ohne immer alles über den Verein organisieren zu müssen. Wir wollen auch möglichst die Gemeinnützigkeit unseres Vereins nicht gefährden. Da wir mit großen Maschinen in unseren Werkstätten Prototypen entwickeln und damit die Entwicklung voran treiben, möchten wir diese möglichst vielen Menschen zur Verfügung stellen. Der Ansatz der offenen Werkstätten ist absolut unterstützenswert und findet sich auch im „OpenEcoLab“ Ansatz wieder.

Wir würden gerne die Finanzierung dieser großen Maschinen und Anteile über die Blockchain verwalten. Wir haben dem Projekt den Arbeitstitel „OpenECoin“ gegeben, weil wir symbolische Coins für jeden Euro geleisteter Zahlung vergeben wollten. Und blockchainbasiert kann verwaltet werden, welche Person welche Anteile an einer Maschine hat. Das kann weitergegeben werden und der verwalterische Aufwand bleibt dank Blockchain überschaubar.
Dieser Bedarf wird zeitnah relevant, weil wir bald beginnen werden, Werkstätten aufzubauen. Wir könnten das Projekt mit einer großen CNC-Maschine starten und dabei Finanzierung und Anteilsverwaltung exemplarisch über die Blockchain abbilden. Das ist auch eine Art von Forschung – wie wir Maschinen zum Gemeinschaftsgut werden lassen können.

Ich bin darin zwar kein Experte, interessiere mich aber für diese Themen und wir werden bei OSE sicherlich zukünftig auch viel mit diesen Ansätzen experimentieren. Es geht ja nicht nur um OSE selbst, sondern um netzwerkübergreifende Verbindungen und zusammenzuarbeiten mit FairCoop, Coinsence usw. Hier kann ich mir einige standortübergreifende Kooperationen vorstellen.

Was hältst Du eigentlich von dem Ansatz, ein Bündnis (für den sozial-ökologischen Wandel im deutschsprachigen Raum) zu schaffen?

Generell finde ich die Idee super, mehr im Verbund und in Netzwerken zu gestalten. Die große Schwierigkeit bei solchen Verbunden, Netzwerken und beim kollaborativen Zusammenwirken ist immer:

  • Wie treffen wir Entscheidungen? Nehmen wir an, wir haben einen Pott Geld zur Verfügung, dann muss jemand die Entscheidung treffen, in welches Projekt das Geld investiert werden soll. Das kann schnell zu Konflikten führen.
  • Konflikte – es sind Menschen im Spiel. Wenn viele neue Leute aufeinandertreffen, dann gibt es auch Reibung. Bei OSE hatten wir bislang das Glück, dass die Menschen sehr differenziert miteinander umgehen und selbstkritisch reflektieren, was sie tun. Daher haben wir da eine super Community. Das kann sich aber schlagartig ändern, wenn neue Communities dazu kommen.

Prinzipiell finde ich es aber richtig und gut. Auch dass wir einander kennenlernen und unsere Kompetenzen einbringen können. Mit OSE kommen wir aus der Open Hardware und Prozessrichtung. Andere kommen vielleicht aus der IT-Infrastruktur, andere aus dem Funding, Social Entrepreneurship oder Community Building. Das kann sich super gut unterstützen. Was ich mir auch vorstellen kann, wäre eine Art „Fallnetz“ zu bilden, falls eine Bewegung es mal schwer hat, dass andere dann einspringen und dadurch das Projekt am Laufen halten.

Gleichzeitig gibt es die anderen Aspekte von eben. Wie gestaltet man den Vernetzungsprozess, wenn es zum menschlichen Zusammenwirken kommt? Was sind die gemeinsamen Werte? OSE hat ganz klare Werte, an denen wir uns fest orientieren. Damit fahren wir richtig gut. Das gemeinsame Wertesystem brauchen wir, damit Technologie für sinnvolle Dinge eingesetzt wird. Dass ein humanistisches Miteinander da ist. Dass man nicht anfängt, auszugrenzen, sich rassistisch zu verhalten oder ähnliche Dinge. Das muss man festhalten! Wir wirken als internationale Gemeinschaft zusammen und wollen auf diesem Planeten etwas gemeinsam nach vorne bringen.

Was ist Dir neben den genannten Dingen wichtig für eine zukunftsfähige Gesellschaft?

Die zwischenmenschliche Ebene. Es ist unglaublich wichtig, dass sich Menschen verständigen und miteinander in Austausch kommen. Dass auch immer klar ist, es gibt nicht einen Menschen, der die Entwicklung nach vorne treibt, sondern, dass man versucht, es im Verbund zu gestalten.

Ich hab selbst einige Initiativen gegründet und dabei gelernt, wie solche Gruppendynamiken entstehen. Wichtig ist, dass man nicht der einzige ist, mit dem es am Ende steht oder fällt. So ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, ist der Schlüssel für Bewegungen – auch „Graswurzelbewegungen“ genannt. Ich finde auch das Bild eines „Pilzmyzels“ ganz charmant, wenn wir von Netzwerken sprechen; unterirdisch ist alles vernetzt und oberirdisch trägt es gemeinsame Früchte. Wir können Prinzipien aus der Natur ableiten und schauen, wie unsere Gruppendynamiken funktionieren, um unseren transformativen Prozess zu gestalten. Dann sind wir schon einmal auf einem sehr guten Weg.

Community Building hat immer eine emotionale Komponente dabei. Sozial-ökologischer Wandel hat immer eine naturbezogene Organismusvariante dabei. Es lässt sich nicht isoliert voneinander betrachten, wenn wir auf demselben Planeten miteinander unterwegs sind (oder sogar im gleichen Universum).

Letzteres würde vielleicht etwas zu weit führen. Wenn wir es erst einmal schaffen, uns auf diesen Planeten zu konzentrieren, und wissen, dass wir mit diesen Ressourcen haushalten müssen, dann wäre das ein großer Schritt. Wenn wir dann auch weiterschauen, dass wir mit all den Menschen zusammenleben und uns gemeinschaftlich organisieren wollen sowie uns dabei an gemeinsamen Werten orientieren können, dann bin ich recht zuversichtlich für die Zukunft unserer Welt.

Aber es braucht immer eine ordentliche Portion Eigeninitiative – und die könnte auch im Bildungssektor ansetzen, also schon früher zur Eigeninitative ermutigen und befähigen, etwas aktiv zu gestalten.

Titelbild: CCBY-SA Timm Wille

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