COINSENCE – soziales Netzwerk mit digitalen Währungen

Weltweit gibt es zahllose Communities, die gemeinsam an Projekten arbeiten und dabei reelle Werte schaffen. Doch freiwilliges Engagement wird selten mit Geld honoriert. Die COINSENCE-Initiative gibt Communities nun eine Vernetzungsplattform mit eigenen digitalen Währungen, auf der demokratisch über deren Wertschöpfung und -verteilung entschieden werden kann und schafft damit eine Alternative zum jetzigen Wirtschaftssystem.

Wir haben ein Interview mit dem Initiator Dr. Karim Chabrak geführt, der das Projekt COINSENCE Anfang 2018 online gestellt hat.

Dies ist der dritte Artikel aus unserer Themenreihe „Digitale Vernetzung der Wandelbewegung“.

Beschreibe in max. 3 Sätzen das Projekt an dem du gerade arbeitest

COINSENCE ist eine offene Kollaborationsplattform, auf der Menschen und Organisationen sich vernetzen und gemeinsam an Ideen und Projekten arbeiten können.
Um Aktivitäten zu stimulieren und Synergien zu erzeugen, wollen wir Gruppen und Organisationen ermöglichen, dynamisch, transparent und konsensbasiert eigene digitale Währungen und Projektbeteiligungen zu schöpfen und zu verteilen.
Community-spezifische Währungen werden auf Basis von Leistungszusagen konsensbasiert geschöpft, und über die Community-Mitglieder werden diese demokratisch in Projekte investiert.

Nutzt du eine bestehende Plattform-Lösung oder entwickelst du etwas eigenes?

COINSENCE nutzt als Basis die Open-Source Plattform HumHub. Diese wird mit einer selbst entwickelten Währungsfunktionalität erweitert.

Screenshot der Benutzeroberfläche von HumHub
Die Benutzeroberfläche von HumHub ist schlank und intuitiv – (c) HumHub

Warum hast du deine Entscheidung so getroffen?

HumHub ist nutzerfreundlich, Open Source und modular flexibel anwendbar. Darüber hinaus bestehen persönliche Kontakte zu den HumHub-Entwicklern, die von der Idee ebenfalls begeistert sind.

Was ist der Zweck der Plattform, die du einsetzt?

Zunächst einmal Leute auf einem autonomen Gebiet zu vernetzen. Facebook wird nicht umsonst oft als „Datenkrake“ bezeichnet. Dort liegen alle Daten zentralisiert, die Nutzer werden als Ware betrachtet. Uns geht es darum, eine demokratisch gesteuerte, transparente Kommunikationsplattform als Alternative anbieten zu können.

Hier wollen wir aber nicht aufhören. Wir wollen insbesondere ein neue Art des Wirtschaftens ermöglichen. Menschen sollen für ihr Engagement, auch für ehrenamtliche Tätigkeiten, belohnt werden. Sie sollen auch davon leben können, daher brauchen wir eine Währung. Die etablierten Währungen (Euro, Dollar, usw.) sind kapitalistisch bzw. gewinnorientiert und können so etwas nicht leisten. Oft sind gerade die Arbeiten, die unsere Gesellschaft dringend braucht (Gesundheit, Kinderbetreuung, Pflege, usw.), sehr schlecht bezahlt.

So etwas kann aber ein dezentrales Währungssystem leisten, in dem die Geldschöpfung nicht Wenigen vorbehalten ist, sondern durch Communities und deren Wertschöpfung passiert. In den Communities kann demokratisch entschieden werden, wie diese Wertschöpfung genau aussehen soll, um der Community und letztlich dem Gemeinwohl zu dienen.

Damit das Ganze eine wirtschaftliche Relevanz bekommt, bieten wir Instrumente, die Partizipation, Flexibilität, Effektivität und Effizienz fördern. Bislang laufen Investitionen, Forschung und Entwicklung oft hinter den verschlossenen Türen der etablierten Unternehmen. Mit COINSENCE wird es möglich, diese Prozesse zu demokratisieren und für alle verfügbar zu machen.

Über solche Beteiligungsmodelle können wir langfristig Prosumer-Ökosysteme schaffen. Das sind Orte, an denen Ressourcen und Märkte von den Menschen gestaltet werden können, die darauf angewiesen sind.

Mit COINSENCE lassen sich Beiträge zur Wertschöpfung über Flüsse von Community-Währung abbilden – (c) COINSENCE

In welchem Stadium befindet sich die Plattform (Idee, Prototyp, fertiges Produkt)?

Der Prototyp wurde Anfang 2018 veröffentlicht und wird von aktuell 50 NutzerInnen getestet (Stand Januar 2018), darunter auch VertreterInnen der Fair.Coop-Community.

HumHub selbst ist bereits eine etablierte Software, also ein fertiges Produkt.
Der Prototyp wird zunächst eine zentrale Plattform sein. In Zukunft wollen wir das aber demokratisieren, indem wir den Dienst Blockchain-basiert umsetzen.

Für welche Zielgruppe ist die Plattform gedacht?

Allgemein für alle Makers mit sinnvollen Projektideen, die mit mehreren Menschen zusammenarbeiten möchten. Das können Einzelpersonen sein oder ganze Initiativen.
Vereine zählen z.B. auch dazu – hier wird viel Ehrenamt geleistet, das bislang nicht mit Geld vergütet wird. Mit COINSENCE kann ein Verein seine ehrenamtlichen Mitarbeiter dann in einer eigenen Währung bezahlen.

So eine Community-Währung ist kein klassisches Zahlungsmittel, sondern vielmehr ein reines Werkzeug, das den Tausch von nicht-monetären Ressourcen – also Sach- und Dienstleistungen – abbildet.

Wie erreichen die Plattform-Entwickler ihre Benutzer?

Wir wollen gezielt Menschen und Gruppen anzusprechen, die sich sozial und ökologisch engagieren.
Auch haben wir vor, Kontakte zu Multiplikatoren aufzubauen, bspw. Genossenschaftsbanken, NGOs und Bürgergenossenschaften.
Bislang haben wir uns aber etwas zurückgehalten, da wir erst auf die Fertigstellung des Prototypen warteten. Das Konzept ist etwas Neuartiges – und das ist deutlich einfacher zu erklären, wenn man die Plattform auch direkt ausprobieren kann.

Auf der Internetseite von COINSENCE stehen dazu auch weiterführende Informationen.

Screenshot von CoinSence Stand Januar 2018
Screenshot vom COINSENCE Prototyp

Wie groß ist die Community der Plattform und wie aktiv ist diese?

Der Prototyp ist ganz frisch online, derzeit sind etwa 50 Personen angemeldet. Es gibt aber ein größeres persönliches Netzwerk von Menschen, die darauf brennen, die Plattform testen zu können.

Hat die Plattform einen thematischen Schwerpunkt?

Nein. COINSENCE soll offen und frei bleiben für alle Themen. Ideell liegt der Schwerpunkt auf demokratischem Wirtschaften, gemeinwohlorientierten Projekten und menschlicher Potenzialentfaltung.

Was sind die Kernfunktionen der Plattform?

Im Prototyp kann man dank HumHub bereits gängige Social Media Dienste und Kollaborationstools nutzen:

  • Beiträge erstellen / kommentieren
  • Personen folgen
  • Kalender
  • Chat
  • Interaktive Textbearbeitung (Etherpad)
  • Wiki
  • Dokumente hochladen
  • Video-Konferenzen
  • etc.

Diese Funktionen werden gekoppelt mit Währungsfunktionalitäten, bzw. individueller Geldschöpfung. Der Administrator einer Community kann dort eine Währung schaffen und jeder Nutzer hat ein Konto in einer entsprechenden Währung. Ähnlich wie beim Girokonto können die Benutzer sich dort COINs (engl. für „Münzen“) vom einen auf das andere Konto überweisen. Um sich darüber austauschen zu können, welche Bedarfe die Community hat, gibt es eine rudimentäre Marktplatzfunktion.

Innerhalb der Community gibt es somit eine Wertschöpfung in der entsprechenden Community-Währung. Damit man auch außerhalb seiner Community mit seiner Währung etwas anfangen kann, ist eine Währungstauschbörse vorgesehen. Dort kann man die eine digitale Währung gegen eine andere tauschen, ggf. sogar in Euro. Es sind auch Währungs-Konsortien denkbar, um z.B. Fonds zu bilden, die sich aus mehreren Währungen zusammensetzen.

Screenshot der HumHub Internetseite mit Ausschnitt der Standard-Funktionen
HumHub Standardfeatures im Überblick – Quelle: Internetseite humhub.org

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Plattform?

Die Kopplung eines nutzerfreundlichen sozialen Netzwerks mit einer Währungsfunktionalität.

Gibt es ähnliche Plattformlösungen / Mitbewerber?

Ich kenne keine Open-Source und nutzerfreundliche Plattform die ein soziales Netzwerk mit Währungsfunktionalitäten und weiteren Kollaborationsfeatures kombiniert.

Wie ist der technische Aufbau der Plattform?

HumHub ist in PHP auf Basis des yii-Frameworks programmiert. Die Währungsfunktionalität ist eine einfache Extension, die zentral auf einer SQL-Datenbank liegt.
Es kann keine endgültige Lösung sein, auf Dauer nur HumHub einzusetzen, denn wir wollen mehrere Millionen Anwender erreichen. Dafür müsste HumHub erweitert werden, und weitere Plattformlösungen und Features müssten dazu kommen. Darüber hinaus wollen wir eine dezentrale, Blockchain-basierte Architektur. HumHub ist für uns die Startlösung mit einem ästhetischen Interface und Grundfunktionalitäten, die uns helfen, die weiteren Schritte gemeinsam zu planen und umzusetzen.

Übrigens werden die spezifischen Erweiterungen für COINSENCE auch von den HumHub-Entwicklern programmiert.

Diagramm der Software-Architektur von HumHub
Software-Architektur von HumHub – Quelle: HumHub (http://docs.humhub.org/dev-overview.html)

Ist die Plattform eine Open-Source-Lösung?

Ja. Der Quellcode wird nach dem Onlinegang des Prototypen und der Testphase veröffentlicht.

Hat die Plattform Schnittstellen?

Da es sich zunächst um einen Prototypen handelt, haben wir noch keine Schnittstellen vorgesehen. HumHub selbst verfügt über einige Schnittstellen, bspw. lässt sich ein LDAP-Server für die Authentifizierung anbinden. Auch ein Login über Facebook, Twitter und Co. ist möglich.

Offene Schnittstellen und Interoperabilität finde ich extrem wichtig, damit die Freiheit der Nutzer und die Innovation der Entwickler nicht eingeschränkt wird.

Wie ist das Geschäftsmodell der Plattform?

Wir müssen hier zwischen mehreren Ebenen unterscheiden. Der Prototyp ist eine einmalige Entwicklung, dessen Finanzierung gesichert ist.

Wie die dezentrale Version von COINSENCE zukünftig genau aussehen soll, wird die Community entscheiden. Und auch über die Vergütung von Entwicklungsleistungen. Es ist naheliegend, das auch über COINSENCE abzubilden – sprich: Entwickler in einer digitalen Community-Währung zu bezahlen.

Da wir aber noch weitere Kosten in Euros decken müssen, gibt es die Überlegung, Dienstleistungen anzubieten, z.B. IT-Systemintegration oder Beratung für Unternehmen. Das wäre dann aber eine vom Netzwerk unabhängige Aktion, um eine Grundfinanzierung zu sichern.

Was ist die Historie der Plattform?

Die Idee habe ich seit vier Jahren. In der Anfangsphase habe ich viel Recherche- und Konzeptarbeit geleistet. Dabei sind auch viele Kontakte entstanden. Das Konzept habe ich im Frühjahr 2016 in Form einer Internetseite veröffentlicht. Im Sommer 2017 habe ich dann den Entschluss gefasst, einen Prototypen zu entwickeln. In den letzten Monaten hatte ich zahlreiche Gespräche mit potenziellen Partnern.

Seit Anfang 2018 ist der Prototyp online.

Wer steht hinter der Plattform?

Ich würde sagen, dass jeder hinter der Plattform steht, der unserer Community beitritt und sich beteiligt. Eine Community lebt schließlich vom Beitrag der Menschen, die sich engagieren.

Ich selbst als Initiator und Projekttreiber stehe natürlich voll und ganz hinter der Plattform. Und ich werde mich dafür engagieren, dass diese dezentraler und demokratischer wird. Das beinhaltet auch:

  • die Autonomie der einzelnen Gruppen wird gewährleistet
  • die von uns entwickelten Lösungen sind sinnstiftend für alle Menschen, die nachhaltig und sozial denken

Darüber hinaus sind verschiedene Entwickler und Unterstützer direkt involviert.

Portrait von Dr. Karim Chabrak – (c) Karim Chabrak

Wo ist die Geschäftsstelle der Plattform?

Es gibt bislang keine.

Welche Rechtsform habt ihr?

Derzeit existiert keine Rechtsform. In welcher vorläufigen Rechtsform der Prototyp veröffentlicht wird, ist gerade in der Klärung. Es ist wichtig, dass die Plattform von einer Rechtsform gehostet wird, die das Mitbestimmungsrecht der Nutzer garantiert.

Diese Frage wird sich hoffentlich erübrigen, wenn wir es schaffen, ein dezentrales peer-to-peer Netzwerk aufzubauen, in dem keine zentral Einflussnahme mehr möglich ist, wo autonome Räume entstehen können und Regelveränderung sowie technische Erweiterungen nur noch konsensbasiert stattfinden können.

Wünscht ihr euch Unterstützung?

Ja, vor allem brauchen wir Nutzer, die den Prototyp erproben und sich anschließend an der Diskussion über die nächsten Schritte beteiligen. Ich bin auch an Partnern für die weitere Entwicklung interessiert.

Wir können über unsere Partnervereine auch zweckbezogene Spenden akzeptieren.

Kooperiert ihr mit weiteren Partnern?

Ich bin offen für jegliche Kooperationen mit Partnern. Mir ist dabei wichtig, dass sie passende Werte vertreten – z.B. die Förderung offener und kollaborativer Wertschöpfung und Nachhaltigkeit.

Erste Kontakte zu ähnlich orientierten Projekten habe ich hergestellt.

Was sind die nächsten Schritte für die Plattform?

Wir haben den Prototypen vor kurzem unter https://community.coinsence.org veröffentlicht. Jetzt wollen wir eine Changemaker-Community aufbauen, Feedback einholen und die nächsten Entwicklungsschritte gemeinsam planen.

Im Nachgang halte ich ein Treffen mit weiteren potenziellen Partnern für sinnvoll. Beim makers4humanity-Lab 2018 würden wir uns über eine Präsentation von COINSENCE freuen. Ich kann dann leider nicht dabei sein, es findet sich aber sicherlich eine gute Vertretung.

Was ist dein Fazit zur Plattform?

Ich freue mich darüber, dass es nun Plattformen gibt, die eine alternative Art der Wertschöpfung ermöglichen. Wir müssen nur darauf achten, dass diese nicht in den Händen weniger Priviligierter liegen.

Eine Plattform würde ich mit einem Land vergleichen. Dort leben und wirtschaften viele Menschen und dieses „Land“ sollte demokratisch regiert werden – alles andere wäre eine Diktatur. So eine demokratische Steuerung wünsche ich mir für alle digitalen Plattformen, denn die meisten sind kommerziell ausgerichtet und alles andere als demokratisch.

Wenn man ein wenig in die Zukunft blickt, werden dort auch Themen wie „Machine Learning“ und „Künstliche Intelligenz“ an Gewicht gewinnen. Hier müssen wir aufpassen, dass diese mächtigen Technologien nicht von wenigen Playern bestimmt werden. Die Blockchain-Technologie ist dafür ein vielversprechendes Werkzeug, um Prozesse demokratischer und dezentraler zu gestalten.

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4 Antworten auf „COINSENCE – soziales Netzwerk mit digitalen Währungen“

  1. Vielen Dank für das informative Interview!

    Im Fazit wünscht sich Karim „eine demokratische Steuerung für alle digitalen Plattformen, denn die meisten sind kommerziell ausgerichtet und alles andere als demokratisch.“

    Daraus kommt in mir wieder einmal der Gedanke hoch, das wir eine demokratisches Unternehmen gründen sollten, welches sich um den technischen Überbau und Aufbau der Open-Source basierten Plattformen kümmern sollte. Damit könnten wir die Plattformbetreiber untereinander an einen demokratischen Tisch bekommen, mit jedem Menge synergetischen Effekten. Eine Verbindung zum Endanwender wäre in dem Model einer Genossenschaft 2.0 (Crowd-Genossenschaft) sicherlich auch möglich.

  2. Vorteilhaft wäre, wenn die https://community.coinsence.org ein Impressum und eine Link auf ein Webseite mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AFB) enthalten würde. Dies könnte für eine Übergangszeit, bis rechtsverbindliche AGB’s entwickelt werden auch ein Link auf diesen Blog-Artikel über COINSENCE sein.

    Bin der Meinung, dass Impressum und AGB’s einer Website wie https://community.coinsence.org einfach mehr Vertrauenswürdigkeit geben können. Es liegt doch auf der Hand, dass so ein Projekt wie coinsence.org steht und fällt je nach dem, ob die Initiatoren es schaffen, Vertrauen der potenziellen Teilnehmer zu gewinnen.

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