Transition Regensburg – Erfahrungen mit eigenem sozialen Netzwerk

Projektgruppen besser miteinander zu vernetzen und auf einer sicheren Online-Plattform miteinander zu diskutieren: Das war die Motivation von Transition Regensburg, als sich die Gruppe vor drei Jahren auf die Suche nach einer geeigneten Lösung machte. Die Entscheidung fiel für Hubzilla. Nach einer längeren Testphase gibt es nun ein Fazit.

Dies ist der vierte Artikel aus unserer Themenreihe „Digitale Vernetzung der Wandelbewegung“.

Interviewpartner war Michael von der Gruppe Transition Regensburg.

Beschreibe in max. 3 Sätzen das Projekt an dem du gerade arbeitest

Transition Regensburg ist eine Bürgerbewegung und ein gemeinnütziger Verein, der sich mit Kopf, Herz und Hand für eine überlebensfähige, umwelt- und menschenfreundliche Stadt Regensburg einsetzt.
Meine Aufgabe ist die technische Betreuung v.A. Serveradministration, in dessen Rahmen kümmere ich mich auch um unser soziales Netzwerk – unsere eigene Hubzilla-Installation. Außerdem organisiere ich die Vernetzung am Campus und baue eine Cradle-to-Cradle-Gruppe als Kooperationsprojekt mit auf.

Mitglieder der Gruppe Transition Regensburg halten ein Transparent mit der Aufschrift
Team von Transition Regensburg – (c) Transition Regensburg

Nutzt du eine bestehende Plattform-Lösung oder entwickelst du etwas eigenes?

Eine bestehende, und zwar Hubzilla.

Warum hast du deine Entscheidung so getroffen?

Zum Zeitpunkt meiner Recherche standen Diaspora und Friendica aufgrund ihres dezentralen Ansatzes auf meiner Liste weit oben. Diaspora besitzt keine einfache Installationsroutine, weshalb sich die Nutzer auch nur auf wenigen Servern („Pods“) finden. Daher entschied ich mich, Friendica weiterzuverfolgen. Der Initiator von Friendica, Mike MacGirvin, arbeitete damals auch an einer umfänglicheren Lösung, die eine bessere Verschlüsselung mit sich bringt. Das war Hubzilla, damals noch unter dem Projektnamen „Red Matrix“ bekannt.

Was ist der Zweck der Plattform, die du einsetzt?

Transition Regensburg hat viele verschiedene Gruppen, die sich in bestimmten Bereichen für den Wandel in Regensburg einsetzen – z.B. Gruppen von GemeinschaftsgärtnerInnen, LebensmittelretterInnen und BetreiberInnen eines Umsonstladens. Unsere Absicht war es, die Vernetzung unter den Gruppen zu verbessern. Wir wollten also eine Lösung etablieren, damit die Gruppen voneinander erfahren, offen diskutieren und sich in einer Community besser gegenseitig helfen können.
Mit dem Einsatz von Hubzilla haben wir auch die Absicht verfolgt, einen Impuls für die Dezentralisierung von sozialen Netzwerken zu setzen.

Weitwinkelaufnahme von einem Regensburger Gemeinschaftsgarten
Die Arbeitsgruppe „Gardening“ von Transition Regensburg kümmert sich u.a. um den Gemeinschaftsgarten – (c) Transition Regensburg

In welchem Stadium befindet sich die Plattform (Idee, Prototyp, fertiges Produkt)?

Hubzilla ist ein fertiges Produkt, das regelmäßige Updates erfährt.

Für welche Zielgruppe ist die Plattform gedacht?

Menschen, die sich für datengeschützte Kommunikation interessieren. Im Prinzip ist Hubzilla für alle Menschen nutzbar, Stand heute sind die meisten NutzerInnen eher Technikinteressierte. Es geht also in den öffentlichen Hubzilla-Kanälen häufig um Technik, Datenschutz und Verschlüsselung. Aber auch gesellschaftliche und politische Themen werden diskutiert.

Wie erreichen die Plattform-Entwickler ihre Benutzer?

Es gibt eine Internetseite, auf der über Hubzilla berichtet wird. Im Netzwerk selbst wird viel kommuniziert, dort gibt es auch einen Kanal, wo man mit den EntwicklerInnen direkt sprechen kann.

Wie groß ist die Community der Plattform und wie aktiv ist diese?

Die genaue Zahl an NutzerInnen von Hubzilla lässt sich nicht bestimmen, da Hubzilla-Installationen auch als Insel-Lösungen betrieben werden können. Im Gesamt-Netzwerk sind schätzungsweise 2.500 Menschen unterwegs.

Transition Regensburg hat im Newsletter-Verteiler knapp 800 Menschen und auf Facebook 2.800 Followers. Wie groß die Community der aktiv Mitwirkenden ist, lässt sich schwer sagen, da Transition eine Bürgerbewegung ist. Die Anzahl von Leuten, die im Kontext von Transition hier vor Ort besonders präsent sind, schätze ich auf ca. 30.

Foto einer Nutzerin des kostenlosen Bikesharing-Systems in Regensburg
Seit 2015 gibt es in Regensburg eine kostenlose Bikesharing-Initiative, die sich auch als Transition-Projekt begreift – (c) Transition Regensburg

Hat die Plattform einen thematischen Schwerpunkt?

Theoretisch nicht. Praktisch stehen derzeit Technik und Datenschutz im Vordergrund. Das liegt sicherlich an den NutzerInnen des Netzwerks. Kommen andere Menschen dazu, wird es auch andere Themen geben.

Was sind die Kernfunktionen der Plattform?

Hauptfunktion ist ganz klar der Nachrichtenaustausch unter Berücksichtigung von Privatsphäreeinstellungen. Mit Hubzilla kann man sehr passgenau Beiträge für bestimmte Zielgruppen freigeben.
Hubzilla bringt aber auch weitere Funktionen mit – z.B. ein Kalender, Wiki, Kontaktdatenbank, Gruppen / Kanäle. Auch kleinere Internetseiten sind damit baubar.

Screenshot der Hubzilla-Ankündigungs-Seite
Screenshot von Hubzilla – das Grundlayout von Hubzilla erinnert stark an Facebook und ähnliche soziale Netzwerke.

Das Spannende hierbei ist, dass alle Funktionen auf der für Webserverdienste sicheren Hubzilla-Infrastruktur aufbauen – d.h. die Zugriffsrechte aller Inhalte sind sehr feingliedrig pflegbar.

Screenshot eines Dialogs beim Teilen eines Beitrags auf Hubzilla
Screenshot des Berechtigungs-Dialogs auf Hubzilla – hier kann ausgewählt werden, wer einen Beitrag sieht.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Plattform?

Hubzilla ist eine Lösung, die für die einzelnen NutzerInnen und für die Community eine große Gesamtheit an Funktionalitäten gewährleisten kann. Es ist gewissermaßen eine Datenschutz-Infrastruktur, auf deren Basis ich dann ein soziales Netzwerk, Dateiaustausch etc. umsetzen kann. Und es ist eine Software, die fertig und direkt einsetzbar ist.

Einzigartig ist auch die sog. „nomadische Identität“. D.h. ich kann meinen Hubzilla-Kanal auf einen anderen Server klonen. Sämtliche Aktivitäten (z.B. neue Kontakte, Einstellungen) werden dann auf den neuen Server gespiegelt. Beim Ausfall eines Servers wird man so nicht vom Netzwerk getrennt.

Gibt es ähnliche Plattformlösungen / Mitbewerber?

Wie anfangs erwähnt, gab es in der Recherchephase bereits die dezentralen sozialen Netzwerke Diaspora und Friendica. Es gibt auch aktuelle Entwicklungen, bspw. das Matrix-Protokoll. Das ermöglicht auch einen dezentralen Nachrichtenaustausch. Es scheint recht groß zu sein, aber ich habe mich noch nicht näher damit auseinander gesetzt.

Wie ist der technische Aufbau der Plattform?

Hubzilla ist eine in PHP programmierte Individualanwendung. Als Datenbank kommt bei uns MySQL in Form einer MariaDB zum Einsatz, was dem Standard entspricht. Parallel versuchen die Entwickler auch PostgreSQL mitzupflegen.
Das Hubzilla-Netzwerk besteht aus mehreren Hubs, also einzelnen Installationen. Diese kommunizieren untereinander über das ZOT-Protokoll, hierbei werden verschlüsselte JSON-Nachrichten ausgetauscht.

Schematische Darstellung von Hubzilla-Architektur als Insellösung und im Netzwerk-Verbund
Hubzilla lässt sich entweder als Insellösung oder im Verbund mit anderen Installationen nutzen.  (c) hubzilla.org

Ist die Plattform eine Open-Source-Lösung?

Ja, der Quellcode liegt auf GitHub.

Hat die Plattform Schnittstellen?

Hubzilla kann eine große Zahl von Newsfeeds lesen, z.B. RSS oder auch Nachrichten aus anderen Netzwerken (Diaspora, Friendica, GNU social) integrieren.
Weitere Schnittstellen sind CalDAV und WebDAV. Ich kann also Kalender und Dateien aus Hubzilla mit meinem Smartphone und anderen Computern synchronisieren. An CardDav zur Synchronisation von Kontakten wird auch gearbeitet.

Wie ist das Geschäftsmodell der Plattform?

Hubzilla ist ein Open-Source-Projekt, das nicht unternehmerisch tätig ist. D.h. alle Arbeit am Projekt erfolgt ehrenamtlich. Es gibt auch die Möglichkeit zu spenden, da fließt aber aktuell nicht viel Geld. Einziger Empfänger der Spenden auf Bountysource ist aktuell der Hauptentwickler Mike MacGirvin.

Was ist die Historie der Plattform?

Der Vater von Hubzilla, Mike MacGirvin, hat ca. 2010 mit der Entwicklung von Friendica begonnen. Außerhalb des Projekts hatte er bereits einschlägige Erfahrungen im Bereich Sicherheit und Webentwicklung – er arbeitete bspw. als Unix Systemadministrator an der Stanford-Universität und als Entwickler bei Netscape, AOL/Time-Warner und Symantec.

Erste Grundlagen von Hubzilla wurden Ende 2010 veröffentlicht, die aktive Entwicklung wurde dann Mitte 2011 vorangetrieben.
Hubzilla hatte zuvor verschiedenste Namen: Friendica Red (2012), Red Matrix (2013), Hubmaker (Anfang 2015) und schließlich Hubzilla (Mai 2015).

Wer steht hinter der Plattform?

Die Entwickler-Community stellt sich aus meiner Sicht so dar, dass es einen Super-Guru gibt – also den Erfinder Mike MacGirvin – und etwa 5 sehr aktive Entwickler im Kernteam.

Wo ist die Geschäftsstelle der Plattform?

Ist mir nicht bekannt. Über die Domain hubzilla.org ist auch nichts zum Registrant zu erfahren, da die Registrierung über einen Privatsphäre-Service abgewickelt wurde.

Welche Rechtsform haben die Macher?

Hierzu ist mir nichts bekannt.

Wünschen sich die Macher der Plattform Unterstützung?

Ja, und zwar Spenden sowie WebentwicklerInnen oder NutzerInnen, die Hubzilla testen und verbreiten.

Kooperieren die Macher der Plattform mit weiteren Partnern?

Hubzilla ist mit weiteren sozialen Netzwerken im Verbund der „The Federation“, d.h. es gibt Kooperationen mit Diaspora, Friendica, GNU social etc.
Personell gibt es Verflechtungen zu Friendica, da Hubzilla aus dessen Dunstkreis hervorgegangen ist.
Hubzilla ist auch bemüht, offene Web-Standards zu nutzen.

Screenshot der Seite
Screenshot von the-federation.info – Übersicht und Statistiken zu den Servern im föderierten Netzwerk.

Was sind die nächsten Schritte für die Plattform?

Hierzu gibt es sicher Diskussionen, aber ich bin nicht ganz auf dem Laufenden. Ein größeres Ziel war und ist es, den Community-Kalender und den CalDav-Kalender für die Synchronisation (z.B. Smartphone) zusammenzuführen. Es gibt eine Projekt-Roadmap, die allerdings veraltet ist. Die auf GitHub sichtbaren Issues sind überwiegend kleinere Optimierungen und Bugfixes. Wohin es also langfristig geht, ist mir daher nicht bekannt.

Was ist dein Fazit zur Plattform?

Erfahrungen von Transition Regensburg mit Hubzilla

Vielleicht beginne ich mit unseren Erfahrungen mit der Plattform. Bei uns nutzen aktuell sehr wenige Menschen Hubzilla wirklich aktiv. Grundlegend haben wir nämlich folgendes Problem: Die einzelnen Gruppen haben bereits ihre Tools, die sie kennen. Da gibt es Facebook- und WhatsApp-Gruppen und E-Mail Verteiler. Damit kommen einfach alle Nutzer gerade gut zurecht und für uns ist es nun schwierig, den Mehrwert von Hubzilla zu verkaufen. Es gibt einige, die sich für Datenschutz interessieren, aber dem überwiegenden Teil ist das nicht wichtig genug, um sich intensiv mit einem neuen Tool auseinanderzusetzen.

Um Menschen dazu zu bringen, eine Alternative zu Facebook-/WhatsApp-Gruppen und E-Mail-Liste zu nutzen, braucht es also Überzeugungsarbeit, Unterstützung der Anwender und möglichst geringe Hürden. Und dafür benötigen wir ein Team mit entsprechend viel Zeit und Geduld. Das Projekt Hubzilla-Einführung ist auch nicht die Hauptarbeit von Transition. Dort geht es eher um ganz konkrete Projekte – Umsonstladen, Repaircafé, Lebensmittel-Kooperative. Da das ehrenamtlich läuft, haben wir auch einfach nicht die Zeit, Hubzilla so sehr zu vermarkten. Die Nutzung von Hubzilla ist aktuell ein wenig eingeschlafen, kann aber mit jeder neuen interessierten Gruppe wieder an Fahrt gewinnen.

Foto eines Lastenfahrrads, das Pflanzen transportiert
Kerntätigkeiten der Gruppe Technologie liegen im Bereich Elektronik, Reparaturen, DIY, z.B. Lastenradbau.  (c) Transition Regensburg

Fazit zu Hubzilla

In meiner Wahrnehmung ist das Hubzilla-Netzwerk weltweit noch relativ klein.
Design-bedingt ist bei den Federated-Social Plattformen von Performanceproblemen auszugehen, falls es zu größerer Verbreitung kommen würde.
Eine detaillierte Problembeschreibung zu alternativen Sozialen Netzwerken findet sich im Artikel „2012, und alle Welt ist immer noch auf Facebook.“.

Den Grundgedanken von Hubzilla finde ich nach wie vor sinnig, denn mir sind eine Sensibilisierung für Datenschutz und die Unabhängigkeit von Facebook und Co. sehr wichtig. Und Hubzilla setzt dies so gut um, wie es eine Web-Anwendung kann.

Trotz den Sicherheitsbemühungen im Hubzilla-Design kann der Administrator eines Hubzilla-Knotens die privaten Daten theoretisch lesen, denn der Schlüssel eines Anwenders ist in der Datenbank gespeichert. Das ist natürlich nicht über die Admin-Oberfläche möglich – aber wie bei jeder Webserver-Anwendung muss man auch hier seinem Administrator trauen. Um das Konzept noch sicherer zu machen, müsste jeder Anwender seinen eigenen Hubzilla-Knoten betreiben. Es wird auch daran gearbeitet, eine automatische Installation auf einem Kleinst-Server (z.B. Raspberry Pi) zu ermöglichen.
Das halte ich aber für die Allgemeinheit nicht für praktikabel.

Viele Gruppen wollen etwas Neues entwickeln, was selbst dieses Datenschutzproblem angeht. Auf die Schnelle lässt sich das aber nicht lösen. Ich finde hier auch den GNUnet-Ansatz spannend, der den Anspruch hat, den kompletten Internetstack sicher zu machen (das basiert auf einem Peer-to-Peer-Prinzip). Hier geht es also um eine noch tiefere, grundlegendere Ebene, was auch den Schutz von Verbindungsdaten beinhaltet. Und es gibt auch ein Projekt, das darauf aufbauend ein soziales Netzwerk (SecuShare) ins Leben rufen möchte. Hier bin ich gespannt auf die weiteren Entwicklungen!

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