Open Telecom – Ökodörfer bringen schnelles Internet aufs Land

Gemeinschaften und Ökodörfer wünschen sich eine schnelle Anbindung ans Internet, um Vernetzung, Telefonie und Fernarbeit zu ermöglichen. Vor dem Breitbandausbau auf dem Land scheinen sich die etablierten Telekommunikations-Unternehmen zu scheuen. Nun nehmen es die Gemeinschaften selbst in die Hand und gründen ein eigenes, gemeinwohlorientiertes Unternehmen.

Hintergrund

Die Gründung erfolgte im Rahmen der 2. Wandel-IT-Konferenz für Gemeinschaften und Wandel-Initiativen – im Lebensgarten Steyerberg, dem ältesten Ökodorf Deutschlands. Die Konferenz fand vom 16.-18.01.2018 statt. Peter Hartmann und Markus Kollotzek waren vor Ort, um über den Ablauf zu berichten.

Teilgenommen haben ca. 10-14 Personen. Da die Konferenz über mehrere Tage lief, gab es jeden Tag unterschiedliche Teilnehmerzahlen. Aus folgenden Lebensgemeinschaften waren Vertreter physisch bzw. via Videokonferenz dabei: Ökodorf Sieben Linden, Kommune Niederkaufungen, Hofgemeinschaft Lübnitz, Schloss Tempelhof, Lebensbogen-Gemeinschaft und Herzensgemeinschaft Wolfen.

Am ersten Tag wurde eine Seminarsoftware präsentiert. Die Präsentation haben wir leider verpasst, da wir erst abends angereist sind. Inhaltlich ging es um eine Individualentwicklung für Schloss Tempelhof. Das Feedback dazu war gemischt.

Ansicht des Steyerberger Hauptgebäudes mit Wintergarten
Innenhof und Hauptgebäude von Steyerberg

Projekt „Open Telecom“

Der Mittwoch stand klar im Fokus des Projekts „Open Telecom„. Zunächst wurde der aktuelle Arbeitsstand der Gruppe „Wandel-IT Services“ präsentiert und Feedback eingesammelt. Auf der letzten IT-Konferenz wurde vereinbart, dass die Gruppe bis Ende des Jahres 2017 ein Konzept erstellt und dieses anschließend der Runde präsentiert.

Die allgemeinen Herausforderungen, ein solches Konzept zu erstellen, waren weitaus größer als gedacht – entsprechend konnte es noch nicht fertiggestellt werden. Es wurden jedoch Gespräche geführt und mögliche Partner gefunden, u.a. hat die SBR-net Consulting AG ein Beratungsangebot erstellt. Beratungskosten, Personal- und sonstige Kosten wurden in einer Ausgabenplanung zusammengefasst.

Zur Finanzierung dieser Kosten hat Wandel-IT Services sich folgende Strategie überlegt: Die Open Telecom stellt gemeinsam mit Kommunen und den jeweiligen Ökodörfern einen Fördermittelantrag zur Erstellung eines Konzepts zum Breitbandausbau für die jeweilige Region. Vom Breitbandbüro werden Beratungsgutscheine im Wert bis zu jeweils 50.000 Euro vergeben, welche durch die Kommunen beantragt werden können.

Eine weitere Finanzquelle könnten Kreditgeber sein, hier bestehen bspw. Kontakte zur GLS-Bank – auch Ökodörfer kämen dafür infrage.

Foto des Foodsharing-Fairteilers im Lebensgarten Steyerberg
Ökodörfer und Gemeinschaften sind sehr aktiv in der Selbstorganisation –
Steyerberg verfügt z.B. über einen eigenen FairTeiler für gerettete Lebensmittel

Problematik / Allgemeine Herausforderungen

Für die Organisation, sowie Antragstellung, etc. braucht es einen Player. Hier soll ein gemeinwohl-orientiertes Telekommunikationsunternehmen gegründet werden, das diese Aufgaben übernimmt.

In Gesprächen mit dem BMVI, VATM und Breitbandbüro wurde sehr deutlich, dass der politische Wille für so eine Unternehmung vorhanden ist.

Dieser erwächst vor allem aus der Problematik, dass insbesondere ländliche Regionen eine sehr schwache digitale Infrastruktur haben. Dadurch fühlen sich die ländlichen Bewohner zunehmends genötigt, in Großstädte zu ziehen – was weitere Probleme mit sich zieht. Der Bundesregierung liegen die ländlichen Regionen am Herzen, daher ist der politische Wille da, eine Lösung für die 25 Millionen dort lebenden Menschen zu finden.

Andere private Telekommunikationsunternehmen müssen profitorientiert funktionieren, weshalb diese den Breitbandausbau meist nur in Städten organisieren.

Nächste konkrete Schritte

Am Mittwoch, 17.01.2018, wurde ein nicht eingetragener Verein „TeleCommons n.e.V.“ ins Leben gerufen. Dieser hat zum Ziel, ein gemeinwohlorientierter Akteur für Telekommunikations- und IT-Dienstleistungen zu sein. Insbesondere hat er auch zur Aufgabe, die ländlichen Räume zu beleben, indem Telekommunikationsinfrastruktur in entsprechenden Regionen bereitgestellt und gefördert wird. Mitglieder des Vereins können und sollen juristische und natürliche Personen werden, die diese Ziele unterstützen wollen. Der Verein ist Teil eines rechtlichen Konstrukts, bestehend aus Verein und einer UG. In Kombination fungieren diese beiden Rechtsformen wie eine Genossenschaft, sind aber deutlich leichter zu gründen. Vereinsmitglieder erhalten eine einfache Möglichkeit der Mitbestimmung, wirtschaftliche Handlungsfähigkeit ist durch die UG gegeben.

Die Satzung des Vereins wurde nach kontroversen Diskussionen in Rekordzeit von unter einer Stunde geschrieben. Dies schaffte allgemeines Vertrauen für eine weitere Zusammenarbeit. Die Gründungsversammlung dauerte gerade einmal eine halbe Stunde – hier wurden Satzung diskutiert, ein Vorstand gewählt und die spätere Gründung einer UG beschlossen. Eine Geschäftsführung für die UG wurde benannt und der klare Auftrag erteilt, vor der Gründung einen Businessplan vorzulegen.

Ebenfalls wurde beschlossen, das nächste Wandel-IT-Treffen über Pfingsten im Rahmen des m4h-2018 Labs in Ferropolis stattfinden zu lassen.

Die Gründung der UG, sowie erste Förderanträge sollten bis zu diesem Zeitpunkt bereits gestellt sein. Erste Gespräche mit der Gemeinde Steyerberg sind bereits im Anschluss an die Konferenz erfolgt.

Foto von sieben der acht Gründungsmitglieder von TeleCommons
Gründer des Vereins „TeleCommons n.e.V.“

Referenzprojekt Steyerberg

Ein erstes vorzeigbares Referenzprojekt für TeleCommons n.e.V. könnte im Lebensgarten Steyerberg entstehen.

Der Lebensgarten ist wie viele andere Ökodörfer von der Abschaltung von ISDN betroffen. Gemeinschaften haben in der Regel mehrere private ISDN-Verträge, das ist zum einen teuer und zum anderen ist ein Wechsel notwendig. Hierbei entscheiden sich einige Gemeinschaften für eine Lösung mit „Voice over IP“, sprich: Telefonie übers Internet. Die DIGITAL BUILDERS GmbH – auch Initiatiorin von Wandel-IT-Services – führt mit dem Lebensgarten ein entsprechendes Projekt durch und hat vor Ort erste Tests durchgeführt.

Voraussetzung für Voice over IP ist eine funktionierende Internetverbindung. In Steyerberg soll diese über ein flächendeckendes WLAN zur Verfügung gestellt werden. Die Internetverbindung soll über mehrere DSL-Anschlüsse erfolgen. Man spricht hierbei von einem „Multiple-Gateway Mesh“. Das WLAN soll durch einen Verbund von vielen Routern auf dem Gelände verteilt werden. Welche Router an welcher Stelle geeignet sind, wird gerade diskutiert.

Foto - Außenansicht eines in Renovierung befindlichen Reihenhauses im Lebensgarten Steyerberg
Charakteristisch für den Lebensgarten Steyerberg sind die kleinen Reihenhäuser, dementsprechend groß ist die durch WLAN abzudeckende Fläche

Offene Fragen / Ungelöste Problematiken

Als kritischer Punkt wurde von einigen Teilnehmern eingebracht, dass öffentliche Gelder immer über öffentliche Ausschreibungen vergeben würden. Die „Open Telecom“ wäre immer nur eine von drei Bewerbern, eine Sicherheit über die Förderung sei somit nicht gegeben.

Da selbst bei erfolgreicherer Förderung ein Zeitfenster von schätzungsweise zwei Monaten bestehe, fehle es auch an einer Überbrückungsfinanzierung für die Arbeit des Teams.

Was bislang noch nicht näher ausgearbeitet wurde, seien funktionierende Erlösmodelle. Bislang sei ein Finanzbedarf ermittelt worden, jedoch keine Einnahmekonzepte. Dies solle vor Gründung der UG zeitnah erarbeitet werden.

Im Raum wurde noch eine Analogie formuliert – „Wir wollen einen großen Berg besteigen und scheitern schon am ersten Hügel“. In diesem Fall symbolisiert der erste Hügel ein vorzeigbares Referenzprojekt, der Berg ist die große Vision einer Gemeinwohl-organisierten Telekommunikationsgesellschaft. Um diese Vision ins Leben zu bringen, brauche es eine gangbare Mission, als nächstes konkrete Ziele und dafür durchführbare Schritte.

Zwei Personen laufen einen Waldpfad entlang in Richtung eines Hauses
Auf dem Gelände gibt es kleinere waldige Passagen, die in den Pausen zum Spazieren einladen

Unser Fazit

Das Projekt „Open Telecom“ hat aus unser Sicht sehr großes Potenzial. Gleichzeitig ist es ein sehr umfangreiches und kompliziertes Vorhaben. Auch müssen noch offene Fragen geklärt werden.

Auf jeden Fall finden wir die Sache spannend und sehen die „Open Telecom“ als eine zukunftsweisende Organisation, die es so in dieser Form noch nicht gibt. Sie hätte eine gute Multiplikatoren-Wirkung für die Wandel-Bewegung insgesamt, in welcher Ökodörfer und Gemeinschaften eine tragende Rolle spielen. Aus eben jenen nahmen mehrere Vertreter an der Konferenz teil. Der Ort hatte auch auf uns eine sehr inspirierende Wirkung – denn er beweist seit mehreren Jahrzehnten, dass nachhaltiges Leben und Arbeiten funktioniert.

Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung von „Open Telecom“ und freuen uns auf das nächste Treffen in Ferropolis zum m4h-Lab.

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