„Nürnberg nachhaltig“ – ein Erlebnisbericht

Unser aktueller Lebensstil tut nur eins nachhaltig: die Natur zerstören. Kultur und Natur stehen im Widerspruch zueinander. Wie es gelingen kann, beide zu vereinen und dabei die Bürger zu involvieren, war das Anliegen der Stadt Nürnberg mit der Veranstaltung „Nürnberg Nachhaltig – natürliche Ressourcen und Rechte der Natur“.

Die zweitägige Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Kulturbahnhof Ottensoos organisiert. Wir haben am zweiten Tag (Freitag, 10.11.2017) in Nürnberg teilgenommen.

Rahmendaten

Eingeladen hatte das Referat für Umwelt und Gesundheit der Stadt Nürnberg.

Hauptreferenten der Veranstaltung waren: Dr. Peter Pluschke (Referat für Umwelt und Gesundheit der Stadt Nürnberg), Dr. Georg Winter (HAUS DER ZUKUNFT, Hamburg und Mitgründer vom B.A.U.M. e.V.) und Christian Felber (Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie).

Veranstaltungsort war der „Schöne Saal“ im Rathaus von Nürnberg. Teilgenommen haben ca. 70 Personen, ein ziemlich gemischtes Publikum von nah und fern.

Die kostenfreie Veranstaltung ging von 17 Uhr bis etwa 22 Uhr. Wir sind allerdings eher aufgebrochen, um noch nach Leipzig zurückzufahren. Zwischendurch gab es ein leckeres, regionales Bio-Büfett.

Ablauf

Die Veranstaltung begann mit drei Vorträgen, gefolgt von drei parallel laufenden Workshops. Anschließend gab es das Büfett und die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Danach standen weitere Vorträge und eine Podiumsdiskussion an, die wir aber aus zeitlichen Gründen nicht verfolgen konnten.

Teilnehmer am Buffet die miteinander ins Gespräch kommen
Get-Together am Buffet

Inhalte der Vorträge

Dr. Peter Pluschke

Dr. Pluschke berichtete von den laufenden Aktivitäten der Stadt Nürnberg im Bereich Nachhaltigkeit. Die Stadt Nürnberg erhielt 2016 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Großstadt“.

Der Referent berichtete auch von der Historie der Nachhaltigkeit, vor allem von seinem begrifflichen Ursprung – nachhaltige Forstwirtschaft – und dessen Ausprägung in Nürnbergs umliegenden Wäldern.

Dr. Georg Winter hält einen Vortrag zum Thema Biokratie - Interessen der Natur nachhaltig in der Politik verankern
Vortrag von Dr. Georg Winter

Dr. Georg Winter

Dr. Winter ist Mitgründer von B.A.U.M. e.V. und des Internationalen Netzwerks für umweltbewusstes Management. Des Weiteren hat er bereits seit den 80er-Jahren zum Thema „Biokratie“ publiziert. Das von ihm ins Leben gerufenen HAUS DER ZUKUNFT verleiht darüber hinaus in Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg jährlich einen Biokratie-Preis.

Biokratie fordert ein parlamentarisches Mitspracherecht der Natur, da sie die eigentliche Grundlage menschlichen Lebens und Wirtschaftens repräsentiert.

Sein Vortrag war rhetorisch gut aufbereitet, als Sprecher hatte er eine charismatische Wirkung aufs Publikum. Uns missfiel jedoch ein wenig der pädagogische Zeigefinger.

Christian Felber

Felber ist Mitbegründer von Attac Österreich und politischer Aktivist und Publizist. Mit 44 Jahren war Felber der jüngste Referent des Abends.

In seinem Vortrag stellte Christian Felber das Konzept der von ihm mitentwickelten Gemeinwohl-Ökonomie vor. Diese ist im deutschsprachigen Raum mittlerweile sehr prominent; allein in Deutschland gibt es ca. 40 Regionalgruppen.

Spannend ist, dass Felber selbst kein studierter Ökonom ist, aber sehr versiert in ökonomischen Details referierte. Auch für Nicht-Ökonomen verständlich näherte er sich dem Thema Ökonomie über die sprachlichen und historischen Ursprünge. Selbst sei er Anhänger der Tiefenökologie, d.h. eine spürbare Verbindung zur Natur sei ihm wichtig. Er sei am Morgen auch in der Pegnitz (Fluss durch Nürnberg) baden gewesen.

Felber erklärte anhand zweier Verfassungen, dass die ursprüngliche Lehre der Ökonomie bereits dem Gemeinwohl dienen sollte und später durch den Kapitalismus mit Spekulation und Profitmaximierung pervertiert wurde.

Anstatt des Gewinnstrebens sellt er die gemeinwohlorientierte Wertschöpfung wieder in den Mittelpunkt. Diesbezüglich nannte er auch das Beispiel von Bhutan, das seinen Erfolg anstelle des Brutto-Inlandsprodukts mit einem Bruttonationalglück misst. Dieses Messinstrument wird dort auch zur politischen Entscheidungsfindung angewendet, etwa wenn über den Beitritt Bhutans zur Welthandelsorganisation zu befinden ist.

Um einer naturzerstörerischen Wirtschaft entgegenzuwirken, schlägt Felber die Nutzung einer ökologischen Währung vor, die sich am Konzept von Parallelwährungen (alternative Währungen) anlehnt. Jeder Bürger hätte dann nicht nur ein finanzielles Budget, sondern zusätzlich auch ein ökologisches.

Er zitierte einen Ökonom, der bei einem seiner Vorträge teilgenommen hatte:

Wir müssen die Schreckensherrschaft der Betriebswirte beenden.

Konkret auf Nürnberg bezogen rief Felber dazu auf, einen lokalen Gemeinwohlindex im partizipativen Prozess durch die BürgerInnen Nürnbergs erarbeiten zu lassen.

Workshops

Im Anschluss an die drei Vorträge fanden die Workshop zu folgenden Themen statt:

  • Welche Wirtschaft braucht die Natur?
  • Frieden mit der Natur als Voraussetzung für einen Frieden unter Menschen
  • Pragmatische Schritte zum großen Ziel – Beispiele für Suffizienz aus Nürnberg

Wir nahmen an den ersten beiden Workshops teil und haben Folgendes zu berichten:

Workshop 1 – Welche Wirtschaft braucht die Natur?

An diesem Workshop nahm auch Christian Felber teil. Hier war ursprünglich geplant, Ideen aus dem Publikum zu sammeln. Leider entwickelte sich das Ganze zu einer kontroversen Diskussion. Die meisten Teilnehmer waren eher gefangen im Gestern und Heute (Retropien, Dystopien).

Zwei Damen berichteten von ihrem mühsamen Alltag auf einem Biohof, den sie mit dem Leben in der vorindustriellen Zeit verglichen. Für die breite Masse sei dies aber keine Lösung; niemand wolle auf eine moderne, zivilisierte Infrastruktur verzichten, die aber gleichzeitig Ressourcen-verschlingend sei. Mobilität, Kultur, Lifestyle, Kommunikation – auf das alles könne die Menschen nicht entbehren.

Es fehlte einigen TeilnehmerInnen die Fähigkeit, in neuen Möglichkeiten zu denken – Utopien für eine anders organisierte Gesellschaft, in der Natur und Zivilisation in friedlicher Koexistenz, wenn nicht gar Symbiose, miteinander leben.

Für ein nachhaltiges Leben hält Felber ein „zurück in das vorindustrielle Zeitalter“ nicht für erforderlich. Neben der Erinnerung daran, dass der aktuelle globale Lebensstil die Lebensgrundlage unserer Nachkommen vernichtet, hat sich Felber bemüht, den Fokus der TeilnehmerInnen eher auf Chancen und neue Möglichkeiten zu lenken.

Weltweit gibt es bereits einige Pionierprojekte, die ein nachhaltiges Leben mit modernen Ansätzen verknüpfen (Ökodörfer, dezentrale Produktion, Open Source Ecology, etc.)

Impressionen vom Workshop
Workshop Frieden mit der Natur

Workshop 2 – Frieden mit der Natur

Das Publikum war interessant und divers. Teilgenommen hat auch eine Vertreterin von BluePingu – dem Nachhaltigkeitsportal der Region Franken und Teil des Transition Netzwerks.

Der Workshop hatte keinen klassischen Workshop-Rahmen. Aufgrund der knappen Zeit wurde eher eine Gruppendiskussion mit inhaltlichen Inputs des Referenten geführt.

Folgende Themen kamen auf:

  • Ressourcenkriege
  • Militarisierung der europäischen Außengrenze
  • Kolonialisierung des Nord- und Südpols

Ein Fazit des Workshops war, dass gesellschaftliche Veränderungen nur dann möglich seien, wenn die Menschen politischer würden. Dem gegenüber steht aber die Tatsache, dass viele Menschen allgemeinen systemischen Sachzwängen unterliegen, z.B. Gelderwerb, Kindererziehung, Familie. Dadurch fehlt es an Zeit und Energie, um dauerhaft politisch aktiv zu sein.

Das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ wurde als eine Möglichkeit genannt, Menschen mehr Zeit für das Politische einzuräumen. Die Teilnehmer waren einmütig vom Grundeinkommens-Gedanken überzeugt.

Fazit zu „Nürnberg Nachhaltig“

Allgemein lässt sich sagen, dass das Programm sehr dicht war. Dadurch fehlten kleine Pausen zwischen den Vorträgen und es gab relativ wenig Zeit für Gespräche zwischendurch.

Das Buffet war köstlich, aber vom Aufbau nicht optimal. Es war nur von einer Seite zu erreichen, und so staute es sich. Dies erschwerte zusätzlich den Raum für Gespräche. Für einen kleinen Plausch mit Christian Felber hat es bei uns allerdings gereicht.

Der „Schöne Saal“ wird seinem Namen gerecht – er ist ein inspirierender historischer Ort. Wir haben uns auch darüber gefreut, dass das Thema Nachhaltigkeit der Stadt Nürnberg so wichtig ist, dass sie dazu Veranstaltungen organisiert.

Trotz geballter Informationen hat sich uns der eigentliche Sinn der Veranstaltung nicht erschlossen. Es gab interessante Begegnungen und Vorträge, nur aus unserer Sicht war es zeitlich zu knapp. Ob sich die Veranstaltung in eine Reihe eingliedert, ist uns nicht bekannt und wurde auch nicht kommuniziert.

Der Anteil an Referentinnen war aus unserer Sicht vernichtend gering. Es hätte abends noch einen halbstündigen Vortrag von Dr. Kora Kristof gegeben, diesen konnten wir nur nicht mehr wahrnehmen. Wir möchten den Veranstaltern die Seite https://speakerinnen.org/ ans Herz legen, um bei kommenden Veranstaltungen eine gerechtere Geschlechterverteilung zu erreichen.

Alles in allem hat sich die Teilnahme aber für uns gelohnt und wir sind der Stadt Nürnberg für die Organisation dankbar. Insbesondere, dass die Teilnahme kostenfrei war und jedem Menschen offenstand, spricht für das ernsthafte Bestreben der Stadt, ihren Bürger das Thema Nachhaltigkeit nahezubringen.

Kirche St. Lorenz in der Nürnberger Innenstadt
Nürnberger Innenstadt

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2 Replies to “„Nürnberg nachhaltig“ – ein Erlebnisbericht”

  1. Vielen lieben Dank, es freut mich sehr hier ein wenig durch euch über Nürnberg und die dortige Entwicklung zur Nachhaltigkeit erfahren zu dürfen.

    Liebe Grüße aus Dresden…

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