Bericht vom Z-Day 2018 – jährliches Treffen der Zeitgeist-Bewegung

Die globale Zeitgeist-Bewegung trifft sich jährlich einmal zu einem internationalen Treffen. Das diesjährige Treffen und zugleich 10-jähriges Jubiläum fand in Frankfurt am Main statt. Im Rahmen des „Friends & Family“ Programms wurde green net project zu einem Gastauftritt eingeladen.

Für das green net project fuhr Markus Kollotzek nach Frankfurt und berichtet nachfolgend von seinen Erlebnissen.

Markus Kollotzek für das green net project beim Z-Day 2018

Veranstaltungsrahmen

Die Veranstaltung „Z-Day 2018“ fand am Samstag, 07.04.2018, von 15 bis 20 Uhr in Frankfurt am Main statt.

Als Veranstaltungsraum wurde der Kunstverein Familie Montez gewählt – eine Galerie mit wunderbarem Flair, die direkt unterhalb der Honsellbrücke liegt. An diesem frühlingshaften Tag wurden wir draußen mit Sonne verwöhnt, im Gebäude war es allerdings recht kühl.

Architektonisch muten die Räumlichkeiten durch die tragenden Brückenbögen einem Gewölbekeller an. Die Lage ist doppelt spannend, da der Main zum einen nicht weit ist und der anliegende Hafenpark zur Erholung einlädt. Zum anderen ist das Gebäude der europäischen Zentralbank ganz in der Nähe – eine Ironie, die dem wohl überwiegend kapitalismuskritischen Publikum durchaus bewusst war.

Ausstellung in der Kunstgalerie Familie Montez

Am Vorabend der Veranstaltung gab es ein gemütliches Beisammensein in einer Frankfurter Kneipe. Leider konnte ich nicht teilnehmen, es soll aber einen schönen persönlichen Austausch gegeben haben.

Nach der Veranstaltung fand noch eine selbstorganisierte After-Show-Party statt, bei der wir uns einfach ans Mainufer setzten, miteinander plauderten und das eine oder andere Bier miteinander tranken.

Was ist der Z-Day?

Der Z-Day ist das jährliche Treffen der Zeitgeist-Bewegung (The Zeitgeist-Movement, kurz: TZM). Ziel der Veranstaltung sei es, die Aufmerksamkeit auf die Grundursachen weltweit sozialer Probleme zu erhöhen, sowie den Fokus auf ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell zu richten, welches sich auf Ressourcen anstatt auf Geld stützt. Im Rahmen eines vereinenden Ansatzes werden seitens der Zeitgeist-Bewegung bestehende Nachhaltigkeits- und Bildungsprojekte zusammengeführt und in die Öffentlichkeit getragen. Zeitgleich und am selben Tag oder Wochenende finden weltweit weitere Veranstaltungen parallel statt.

Die Zeitgeist-Bewegung ist eine 2008 gegründete globale Aktivistengruppierung für Nachhaltigkeit, die sich für eine zukunftsfähige Welt einsetzt. Gleichzeitig will sie Möglichkeiten aufzeigen, wieaus dem aktuellen nicht-nachhaltigen Wirtschaftsmodell ein Übergang in ein neues nachhaltiges sozio-ökonomisches Paradigma gelingen kann. Dieses zukunftsfähige Paradigma zeichne sich insbesondere durch einen Einklang mit der natürlichen Welt, Wohlbefinden von Mensch und Tieren, sowie ein intaktes Ökosystem aus. Zur Etablierung eines solchen Systems werden aktuelle Erkenntnisse aus Wissenschaft und Technologie berücksichtigt.

Inspirierend für die Namensgebung sei der zweite Film Peter Josephs mit dem Titel „Zeitgeist: Addendum“ gewesen als dessen Reaktion die Bewegung 2008 entstand. Die Bewegung besteht aus und pflegt ein Netzwerk globaler und regionaler Projektgruppen, genannt „Chapter“.

Mit dem Treffen in Frankfurt wurde nicht nur das jährliche Zusammentreffen der AkteurInnen, sondern auch das 10-jährige Jubiläum der Bewegung gefeiert.

Der Z-Day findet an jährlich wechselnden Orten statt. Nach den beiden ersten Haupt-Events in New York folgten London, Vancouver, Los Angeles, Toronto, Berlin, Athen und im März 2017 Brisbane, Australien.

Zeitplan des Z-Day 2018

Ablauf der Veranstaltung

Die ausschließlich englischsprachige Veranstaltung gliederte sich in drei Blöcke mit jeweils 3-4 Vorträgen. Dazwischen gab es einige Pausen, in denen man sich in die Sonne legen, Getränke genießen, vom biologischen Buffet essen und natürlich miteinander ins Gespräch kommen konnte.

Moderiert wurde die Veranstaltung durch Franky Müller vom Frankfurter Chapter, der kürzlich in einem Interview die Philosophie der Zeitgeist-Bewegung erläuterte.

Block 1

Im Vortrag „Postwork (basic income) and Transition“ ging der Niederländer Serf Doesborgh auf eine Reihe globaler Probleme ein und stellte das Lösungsmodell „Natural law ressource-based-economy“ (in Deutsch ungefähr „naturgesetzlich ressourcenbasierte Wirtschaft„) vor.
Der Vortrag war optisch ansprechend gestaltet und unterhaltsam vorgetragen.

Anna Brodskaya bezog sich in ihrem Vortrag „Happiness in a Time of Uncertainty“ auf eine sprachlich sehr nuancierte Art mitunter auf griechische Philosophen der Stoa und gab Impulse, wie sich Aktivismus und Glück miteinander verbinden lassen können. Ich konnte leider nicht allen Gedanken folgen, da die Sprache auf einem sehr hohen Niveau lag und die Präsentation wenig bildhafte Elemente enthielt.

Bert Zimpel thematisierte Veränderungsprozesse und soziale Entwicklung und bezog sich dabei auf verschiedene Modelle von Weltanschauungsebenen. Ich war leider zu nervös um alles zu verstehen, da ich als nächster präsentieren durfte.

Als nächstes erhielt ich, Markus Kollotzek, gute zehn Minuten, um das green net project vorzustellen. Hierbei legte ich den Schwerpunkt darauf, dass eine Bewegung von Synergie-Effekten unter den AkteurInnen profitieren kann. Anhand unseres aktuellen Themas „Digitale Vernetzungsplattformen“ beschrieb ich unsere Strategie, AkteurInnen Sichtbarkeit nach außen und untereinander zu verschaffen.

Rowena Bernardo überzeugte mit einer spritzig-provokanten Präsentation

Block 2

Timm Wille, Vorstand des Vereins Open Source Ecology Germany (wir berichteten), stellte das Konzept von Open Knowledge vor und beschrieb freies Wissen als Fundament einer kollaborativen Gesellschaft.

Der Australier Michael Kubler skizzierte auf unterhaltsame Art mehrere Szenarien, wie der Übergang in ein neues Wirtschaftssystem denkbar wäre.

Die Marketing-Expertin Rowena Bernardo hielt einen peppigen Vortrag und stellte ihr Konzept für eine mobile App „girlsquad“ mit folgendem witzigen Untertitel vor: „Dumping Consumerism Like an Old Boyfriend“ (Deutsch: So lässt du Konsumismus wie deinen Ex-Freund fallen).

Michael Kubler über „The Chasm“ – wie gelingt einer Bewegung der Sprung von Visionären hin zur breiten Masse?

Block 3

Der Autor Colin Turner präsentierte sein neu gegründetes Unternehmen „Free World One„, das mit seinen Gewinnen aus u.a. Bildungs-Materialien weitere nachhaltige Projekte unterstützen soll. Hierbei nannte er die Sharing-Plattform freeworlder, das Filmprojekt F-Day und die Wertschätzungsplattform HonorPay.

Arjang Jameh gab seine Empfehlungen, in der Welt des 21. Jahrhunderts bei guter Gesundheit zu bleiben.

Der Filmemacher und Impulsgeber für die Zeitgeist-Bewegung Peter Joseph elaborierte im abschließenden Vortrag über Kybernetik. Neben einem historischen Ausflug über die Ursprünge und Entwicklung der Kybernetik beschrieb er ein Modell, wie sich selbstregulierende Systeme in einen sozio-ökonomischen Kontext übertragen ließen.

Peter Joseph im Gespräch mit einigen Gästen

Dazwischen und danach

Zwischen den Blocks gab es auch zwei Shout-Outs (Videogrußbotschaften) von Standup-Comedian Lee Camp und Journalistin Abby Martin.

Im Anschluss an alle Vorträge kamen alle SprecherInnen wieder auf die Bühne, um Publikumsfragen beantworten zu können.

Organisationen / Teilnehmer

Die Veranstaltung hat 30 Euro Eintritt gekostet, war sehr professionell organisiert, und an dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Organisation von Ehrenamtlichen getragen wurde. Öffentlichkeitsarbeit, Auf- und Abbau, Technik, usw. – das sind viele Bereiche, die für den Z-Day durch die Menschen aus dem Netzwerk abgedeckt wurden. Als Ehrenamtlicher weiß ich, wie viel Zeit und Nerven eine selbstgetragene Veranstaltungsorganisation kosten kann.

Daher nochmals meine explizite Wertschätzung an alle Menschen, die an der Veranstaltung mitgewirkt haben!

Gäste des Z-Days vor dem Kunstverein

Mein Fazit

Ich bin mit gemischten Gefühlen zum Z-Day gefahren, da ich bislang mit der Zeitgeist-Bewegung zuvor wenige Berührungspunkte hatte. Auf Wikipedia hatte ich gelesen, es habe in der Vergangenheit Zeitgeist-Gruppen gegeben, die verschwörungstheoretische bis hin zu strukturell antisemitischen Tendenzen aufwiesen. Ich wollte mir selbst ein Bild verschaffen und fuhr daher persönlich zum Event.

In meiner Wahrnehmung war von diesen Tendenzen nichts zu bemerken. Ich war also von durch und durch „normalen“ Menschen umgeben und das Geschlechterverhältnis war beinahe ausgeglichen. Erwartet hatte ich eine männerdominierte Veranstaltung, wurde aber angenehm positiv überrascht. Ich fuhr also mit guten Gefühlen wieder nach Hause.

Die Vorträge machten auf mich sachlich einen soliden Eindruck. Einzige Ausnahme war der Vortrag von Arjang Jameh, der sich aus meiner Sicht auf nicht belastbare Quellen gestützt hat. Einige seiner fachlichen Aussagen – es ging um die Funktionsweise von Mitochondrien – wurden auch im Publikum angezweifelt, insbesondere eine Biologin, die neben mir saß, schüttelte den Kopf. Jameh selbst ist kein studierter Biologe, daher würde ich den Zweifel der Biologin teilen, dass er bei Einarbeitung ins Thema möglicherweise zu falschen Schlussfolgerungen gekommen ist.

Besonders unterhaltsam war der Vortrag von Rowena Bernardo. Sie setzte dabei auf bunte Grafiken, Publikumsinteraktion und humorvolle Elemente und kam damit zwischen den ansonsten eher sachlich geprägten Vorträgen im Publikum sehr gut an. Sie verwende „dieselben Tricks, um Frauen dazu zu bringen, mehr zu kaufen“, nun für das Gegenteil. Dabei sind mir zwei Dinge in ihrem ansonsten wunderbaren (und auch etwas augenzwinkernden) Vortrag aufgefallen, die ich gerne kritisieren möchte. Sie sagte zum einen, alle Feministinnen hätten üblicherweise kurze Haare und ein männliches Erscheinungsbild. Zum anderen unterstellte sie Männern pauschal, dass diese in Trennungssituationen keinen emotionalen Prozess durchliefen. Dass es sich hierbei schlichtweg um Klischees oder Verallgemeinerungen handelt, muss ich sicherlich nicht extra beleuchten. Ich würde der Vortragenden nur ans Herz legen, etwas tiefer in diese Themen einzutauchen und sich ein umfassenderes Bild zu machen.

Peter Josephs Vortrag fand ich ebenfalls interessant. Bei seiner Körpersprache ist mir aufgefallen, dass er abseits vom Podium etwas schüchtern und zurückhaltend wirkte. Während des Vortrags wirkte er aber deutlich aufgeweckter und konnte selbst komplexe Themen wunderbar aufeinander aufbauend und in klarer Sprache erläutern.

Vortragssaal, im Hintergrund die Bar

Die Zeitgeist-Bewegung konnte ich nun durch persönliche Kontakte etwas besser kennen lernen. Ein großes Thema ist auf jeden Fall die „ressourcenbasierte Ökonomie“. Spannend fand ich auch, dass das Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ u.a. von Colin Turner nicht als grundlegend positiv wahrgenommen wird. Er sieht darin die Gefahr, dass bestehende finanzielle Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft vertieft würden, und überspitzte die Aussage mit den Worten „jahrhunderte lange Sklaverei“. Für mich war dies neu, da ich die Wandelbewegung im deutschsprachigen Raum als überwiegend Grundeinkommens-befürwortend wahrnehme.

Dem Mission Statement der Bewegung lässt sich entnehmen, dass zwischenzeitliche Reformen im Bereich des Geldsystems sowie die Unterstützung der Gemeinschaft zwar zu den Interessen der Bewegung zählen, jedoch das vorwiegende Ziel die Einführung eines neuen sozio-ökonomischen Modells ist, welches auf verantwortungsvollem Management und der Bereitstellung sowie Verteilung der Erdressourcen basiert. Anstelle von „Kosteneffizienz“ stünde bei dieser neuen Wirtschaftsform also eher die technische Effizienz im Fokus. Das übergreifende Vorhaben ließe sich zusammenfassen als „die Anwendung der wissenschaftlichen Methode auf gesellschaftliche Belange“.

Bei der grafischen Gestaltung von Zeitgeist-Materialien wird häufig das Symbol einer leuchtenden Erde vor dunklem Hintergrund (Kosmos) gezeigt. Es transportiert in meinen Augen die Botschaft eines „Anbruchs eines neuen Zeitalters“ und weist Ähnlichkeiten zu den Covers raumfahrtinspirierter Science-Fiction-Bücher auf. Ich denke, es wäre jedoch falsch, die Bewegung auf das Thema „Zukunftsvisionen“ zu reduzieren. Sicherlich spielen Ausblicke und Zukunftsszenarien eine Rolle, doch das Themenspektrum ist weitaus größer, wie die Liste der SpeakerInnen zeigt. Meiner Meinung nach darf sich die Zeitgeist-Bewegung dementsprechend gerne bodenständiger präsentieren.

Ganz im Sinne der Synergiebildung freue ich mich, Kontakt zu dieser Bewegung hergestellt zu haben und zu wissen, dass in dieser Bewegung der Wunsch besteht, das Wirtschafts- und Sozialsystem in ein nachhaltiges zu transformieren, das allen Lebewesen jetziger und zukünftiger Generationen ein gutes Leben ermöglicht.

Für die Möglichkeit, die Arbeit vom green net project einem internationalen Publikum präsentieren zu können, bin ich sehr dankbar – zumal sich unsere Zielgruppen stark überschneiden.

Ein gemeinsames „Fliegen“ der Zeitgeist-Bewegung im Schwarm mit den Degrowth– oder Transition-Bewegungen halte ich für möglich und durchaus sinnvoll. Ich bin gespannt, welche Kooperationen sich ergeben werden.

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4 Antworten auf „Bericht vom Z-Day 2018 – jährliches Treffen der Zeitgeist-Bewegung“

  1. War auch vor Ort und finde Deinen Bericht sehr treffend, besonders die Randnotizen zu den diversen Vorträgen.
    Da ich mich vor einigen Jahren schon mal intensiv mit Kybernetik beschäftigt habe war ich etwas verblüfft als Peter Joseph meinte, dass er gerad erst die Tiefen des kybernetischen Ideenfundus auslotet, obwohl Jacque Fresco, Vordenker der »RessourcenBasierten Wirtschaft« sich selbst doch immer als Soziokybernetiker bezeichnete…
    Auch Stafford Beer ist ein großartiger Typ (=> http://www.cbc.ca/radio/ideas/the-1973-cbc-massey-lectures-designing-freedom-1.2946819 ) .. und die Transdisziplinarität und Weitsicht innerhalb des kybernetischen Zirkels / bei den Macy-Konferenzen ist gerade im Rückblick wirklich beeindruckend..
    Hoffe wir sehen uns beim Makers4Humanity Lab in zwei Wochen! : )

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