Tobi Rosswog – „Bildet Banden und organisiert Euch!“

Vielen Menschen gibt Arbeit Sicherheit und ein Stück Identität. Was passiert aber nun, wenn es zunehmend „Bullshit-Jobs“ gibt und die Menschen merken, dass sie mit ihrer Arbeit auch Teil einer absurden Maschinerie sind, die unsere Welt zerstört? Vor einigen Jahren hat sich Tobi Rosswog auf den Weg gemacht, Antworten auf diese Fragen zu finden und diese praktisch im Alltag umzusetzen.

Wir freuen uns über dieses wunderbare positive Interview, das wir vor einigen Wochen mit ihm hatten.

Tobi Rosswog ist freier Dozent, Speaker, Autor und Aktivist. Sein Motto: Utopien leben statt nur darüber zu sprechen. Er initiierte die Bewegung „Living Utopia“, lebt derzeit im Funkenhaus – einer solidarischen Gemeinschaft von 15 Menschen, und veröffentlichte Ende des letzten Jahres sein erstes Buch „After Work – Radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit„.

Woran arbeitest Du gerade bzw. wie würdest Du antworten auf „was machst’n Du so?“

Tatsächlich ist das eine meiner großen Kritiken, dass Menschen fragen „was machst’n Du so?“, um die Daseinsberechtigung anderer Personen abzuklopfen. Bei der Frage geht es ja nicht darum, was man tut, sondern: Was arbeitest denn Du so? Womit „verdienst“ Du angeblich Dein Geld? Was trägst Du angeblich zur Gesellschaft bei in Form von Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen. Das alles hinterfrage ich sehr kritisch.

  • Ich bin mit all meiner Zeit und Motivation für den gesellschaftlichen Wandel aktiv – für die sozial-ökologische Transformation, u.a. habe ich gerade ein Buch veröffentlicht. Im Jahr gebe ich ungefähr 100 Lesungen, Vorträge und Workshops. Da bin ich auf Universitäten, Kongressen, Konferenzen usw. unterwegs.
  • Neben diesem Austausch, den ich anrege, um das Undenkbare denkbarer werden zu lassen, ist für mich ein weiteres Feld sehr wichtig. Nämlich Utopien zu leben und dadurch neue Selbstverständlichkeiten in die Welt zu bringen. Das machen wir u.a. im Funkenhaus (zwischen Göttingen und Hannover), indem wir dort einen utopischen Freiraum kreiert haben. Das was ich im Austausch immer kritisch reflektiere, versuchen wir dort zu überwinden. Also alles was mit Arbeit, Eigentum und Geld zu tun hat, und vor allem die alles umschließende Tauschlogik.
  • Ich bin auch widerständig aktivistisch tätig. In den letzten Monaten vor allem im Hambacher Wald.

In diese drei Bereiche stecke ich mit größter Freude und 100%-igem Elan meine Lebenskraft rein.

Tobi Rosswog hält im Jahr ca. 100 Lesungen, Vorträge und Workshops. Quelle: Facebook

Du hast eine Weile geldfrei gelebt. Uns interessiert, wie hast Du das gelöst mit: Wohnen, Essen, Laptop, Internet und Mobilität?

Der Zaubersatz dahinter ist „Vorhandenes sinnvoll nutzen“. Wir leben in einer unglaublichen Wegwerf- und Überflussgesellschaft. Alle Ressourcen, die ich zum Leben brauche, sind in Hülle und Fülle vorhanden. Um es politisch zu machen: Ihr habt Ernährung erwähnt. Heutzutage haben wir für 12 Milliarden Menschen genug zu essen. Auf der Erde leben aber nur 8 Milliarden, wir könnten somit noch locker 4 Milliarden Menschen ernähren. Trotzdem hungern etwa eine Milliarde Menschen.

Alleine in Deutschland werden pro Tag und Filiale 45 Kilogramm an Lebensmitteln weggeschmissen. An diese Lebensmittel heranzukommen, das ermöglicht Containern, oder ich durfte in verschiedenen Städten Foodsharing mit aufbauen. Denn allen ist klar: die Lebensmittel gehören in den Magen und nicht in die Tonne!

Zum Thema Mobilität: wir haben in Deutschland ungefähr 50 Millionen Autos auf den Straßen, die sich 23 Stunden am Tag nicht bewegen. Und wenn sie sich dann bewegen, sitzen im Schnitt 1,3 Menschen da drin. Diese Überflüsse lassen sich z.B. durchs Trampen nutzen.

Zum Thema Kommunikation: Internet ist in Deutschland kein größeres Problem. Meinen alten Laptop aus Studientagen habe ich vor meiner großen Reise nicht weggeworfen, sondern behalten und weiter genutzt.

„Lebensmittel gehören in den Magen und nicht in die Tonne“ – das Motto von foodsharing.de

Du hast eine sehr positive Ausstrahlung, wirkst extrovertiert. Wie können zurückhaltendere, eher schüchterne Menschen, Deinem Vorbild da folgen?

Ich sehe mich nicht unbedingt als extrovertiert, kann aber verstehen, wenn mir Menschen das zuschreiben, weil ich mit meinen Ideen und Impulsen nach außen gehe. Es geht mir nicht darum, nur für mich das „Gute Leben“ zu leben, sondern ich versuche auch zu mobilisieren, zu positivieren und zu radikalisieren. Das ist, glaube ich, ein ganz individueller Weg, auch biografisch verankert. Ich habe da ganz viel Glück und bin mir meiner Privilegien bewusst, kann ganz gut kommunizieren, bin offen, in einem Grundvertrauen usw., weil ich verschiedene Erfahrungen machen durfte, die mich dorthin geleitet haben. Das ist ein großes Geschenk!

Wie das andere Menschen machen können, kann ich jetzt nicht in einem Patentrezept für jede Biografie niedersprechen. Ich möchte aber dazu einladen, sich gemeinsam zu organisieren. Wenn ich mich nicht traue, alleine meine Stimme zu erheben, dann eben mit Menschen um mich herum, indem wir Banden bilden und Kollektive kreieren und damit gemeinsam unsere Talente einbringen können. Es ist ja nicht für alle notwendig, 100 Vorträge im Jahr zu halten, das ist ja gar nicht das Ziel. Sondern nach eigenen Wünschen und Fähigkeiten zu schauen und zu fragen „wie kann ich das einbringen?“.

Es heißt in einem schönen Lied von „Gripstheater“:

Trau dich, trau dich, selbst wenn es daneben geht.
Trau dich, trau dich, es ist nie zu spät

Es gibt natürlich keine Garantie, dass alles immer klappt, wie man es sich vorstellt. Ich kann nur dazu einladen, dass wir unsere Talente einbringen. Eine einfache Kalenderweisheit ist: was soll passieren, wenn Menschen sagen „Das finde ich jetzt nicht so toll“? Dann habe ich es eben versucht, ist doch wunderbar.

In deinem Buch „After Work“ geht es um Alternativen zum „Arbeiten“. Weshalb ist die klassische Erwerbsarbeit so schädlich für uns und unsere Zukunft?

Da müsste ich jetzt lange ausholen 😉

Nur so viel, das „Arbeitsplatzargument“ blendet immer wieder alle Menschen.
Stellen wir uns vor, wir stehen 2050 auf einem großen Berg mit unserem Kind an der Hand und blicken auf eine kaputte Welt herunter. Unser Kind wird fragen: „Warum habt Ihr nichts gemacht?“ Und wir würden antworten: „Naja, für die Arbeitsplätze und das Wirtschaftswachstum war das alles gut.“ Das ist eine Ausrede, die ich unseren nachfolgenden Generationen, einfach nicht geben möchte. Sondern ich will versuchen, alles anders zu machen.

Aktuell ist der Kohleausstieg Thema. Dort sehen wir, dass viele den Glaubenssatz verfolgen: „Hauptsache Arbeitsplätze“. Ob nun Kohle, Rüstung oder was auch immer – es ist unglaublich. Der Arbeitsplätze wegen werden auch viele „Bullshit-Jobs“ geschaffen, die nicht nur von den Ausführenden als sinnentleert beschrieben werden, sondern auch noch zerstörerisch sind. Mir geht es darum, in eine Gesellschaft zu kommen, in der wir nicht mehr arbeiten gehen müssen, und stattdessen endlich wieder tätig werden dürfen. Eine Gesellschaft jenseits der Ära der Arbeit.

Vielleicht noch ein Punkt dazu, weil es auch um die Umwelt ging. Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze. Aber auch die Sozialdynamiken, die sich im strukturellen Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt abzeichnen. Wenn ich das Jobangebot bekommen habe und zufälligerweise auf dem Arbeitsplatz sitzen darf, dann ist das im Grunde genommen eine Reise nach Jerusalem, die wir da gerade spielen. Denn eine andere Person hat den Platz nicht bekommen, sie ist ausgeschieden, weil sie vielleicht in der Lebenslotterie eine Niete gezogen hat. Da Solidarität walten zu lassen, ist mir etwas ganz Wichtiges.

Tobi Rosswogs aktuelles Buch – erhältlich im Oekom-Verlag

Vielen Menschen gibt Arbeit Sicherheit, also Stabilität, Struktur im Alltag und die Gewissheit, dass die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Warum sollten Menschen ihr warmes Nest verlassen und was hilft ihnen dabei?

Das große Problem, das wir heute sehen, ist genau das Dilemma, was gerade beschrieben wurde. Wir meinen arbeiten gehen zu müssen, weil wir damit Geld angeblich „verdienen“, um dann unsere Grundbedürfnisse decken zu können. Indem wir das Eigentum Anderer bezahlen können. Ein Dach über dem Kopf, Lebensmittel im Magen usw.

Das Spannende ist, wir leben in unglaublicher Fülle. Mangel ist nur ein kapitalistisches Konzept. Es ist für alle genug da, aber dieser Arbeitsfetisch und dieser Eigentumswahn und die Geld- und Tauschlogik schaffen künstlich Mangel.
Wenn wir alle das reingeben würden, was wir reingeben könnten, dann wäre das wunderbar. Wir haben umzudenken und vor allem anders zu handeln, wenn wir uns die ökologischen Herausforderungen anschauen.

Letztes Jahr fiel der Welt-Erschöpfungstag auf den 01.08.2018. An diesem Tag waren alle nachhaltig zur Verfügung stehenden Ressourcen weltweit für das gesamte Jahr aufgebraucht und ab diesem Zeitpunkt lebten wir „auf Pump“. D.h. unbedingt haben wir alle radikal Veränderung zu gestalten, anders wird es nicht gehen. Und klar hat es damit zu tun, dass wir unsere Komfortzone erweitern dürfen und wir uns in unseren liebgewonnenen Privilegien einzuschränken haben. Das ist ein bisschen wie das Sägen am eigenen gemütlichen Ast, auf dem wir sitzen. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass wir das tun müssen, denn dieser „Baum“ wird getragen von einem Großteil der Menschheit, die diese Privilegien nicht hat, und auf Kosten der Natur. Nur deswegen können wir so komfortabel leben. Eine gewisse Reduktion wird es geben, die kann aber zu einer Befreiung vom Überfluss führen.

Wie kann es gelingen, bereits vorgelebte Utopien von der Nische in den gesellschaftlichen Mainstream zu bringen? Sollte man sie attraktiver verpacken und wie kann das gelingen?

Der Punkt ist wichtig! Auf jeden Fall ist es authentisch, das zu leben, was ich meine, erkannt zu haben, und dementsprechend rauszugehen. Nicht zu viel traktieren und strategisch überlegen, wie ich das verpacken könnte. Gleichzeitig möglichst überlegt handeln und schauen, wie kann ich Menschen am besten abholen? 

Das wichtigste Nachhaltigkeits-Kommunikationsinstrument ist authentisch vorzugehen. Nicht nur etwas zu erzählen, sondern auch so zu handeln. Und das wird Menschen abholen. Wie die Nische in den Mainstream kommt, ist, immer mehr dieser Nischen, zukunftstaugliche Alternativen, aufzubauen und Menschen einzuladen, diese neue Selbstverständlichkeit zu leben. Zu sehen, „das tut gar nicht weh“, „das ist gar nicht blöd“, sondern „das macht Spaß“ und „das kann ich in meinen eigenen Alltag übernehmen“. 

Wir sehen auch, vor 6 Jahren war ich im Hambacher Wald. Damals war das noch gar nicht im Mainstream-Bewusstsein vorhanden. Und wenn, dann waren das immer diese schwarz vermummten Gewalttäter*innen, links motiviert, anarchistisch, wie auch immer. Sechs Jahre später haben wir es geschafft, ein breites Bündnis aufzubauen von den Bürger*innen bis hin zu den radikalen Anarchos weiterhin – und es hat geklappt. Wir haben es geschafft, step-by-step und mit einem langen Atem, andere Verhältnisse zu schaffen und das Bestehende ins Wanken zu bringen.

Die AkteurInnen von Living Utopia unterstützen die Demonstrationen im Hambacher Wald

Hattest Du auf Deinem Weg auch einmal Zweifel? Hat es sich auch hart angefühlt, gegen den Strom zu schwimmen? Und hattest Du nicht auch einmal den Impuls, ein „ganz normales Leben“ zu führen?

Dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen, hat mich schon einmal sehr motiviert. In der Anfangszeit hatte ich aber schon einen sehr wackligen Start. Als ich meinte, etwas erkannt zu haben, wollte ich’s umsetzen. Ich bin in einem sehr konservativen Dörfchen aufgewachsen und hatte um mich herum keine Menschen, die mich motiviert oder mir das Gefühl gegeben hätten, dass ich nicht allein bin. Ich war allein und habe schon gehadert mit den Sprüchen, die ich gehört habe.

„Wer vor 30 kein Marxist ist, hat kein Herz. Wer ab 30 noch Marxist ist, hat keinen Verstand.“

„Tobi, Dein Idealismus, Dein jugendlicher Wahn, Deine Naivität werden auch aufhören, das attestiere ich dir sogar.“

Das ist natürlich sehr frustrierend, vor allem nervig, wenn kein Mensch um mich herum mitgezogen ist. Ich hatte dann das Glück, auf einen Menschen zu treffen, der etwas älter war, wenn auch nur in Form von Büchern. Und ich habe gemerkt, die Person lebt sehr ähnliche Ideale weiter, auch wenn sie schon längst über 60 ist. Das hat mich sehr motiviert. Und ich habe dann gemerkt, vor allem als ich Albert Schweitzer las, da heißt es aus seinen Kindheits- und Jugendtagen:

Die Botschaft der Erwachsenen sollte nicht sein „das Leben räumt mit Euren Idealen auf“, sondern wachset in Eure Ideale hinein, so dass das Leben sie Euch nicht nehmen kann.

Inwiefern findest Du die Digitalisierung für Dich und Deine Mission persönlich sinnvoll?

Die Internetkommunikation als Teil der Digitalisierung ist für mich extrem wichtig, weil ich damit eine große Reichweite erzielen kann. Wir erreichen monatlich etwa 12.000 Menschen mit unserem Newsletter und mehrere Zehntausende über verschiedene Social Media Kanäle. Durch die Kommunikation über Plattformen können wir uns im deutschsprachigen Raum organisieren. Diese Werkzeuge vereinfachen es sehr stark, sich zu vernetzen und zu organisieren.

Es ist also ein wichtiges Werkzeug für mich.

Was würdest Du an der Digitalisierung, wie sie heute existiert, kritisieren – und hast Du Gegenvorschläge?

Häufig werden Digitalisierung und der technische Fortschritt ausschließlich als Hilfsmittel zur Effizienzsteigerung gesehen. Das allein wird uns nicht retten, denn es ist eine Scheinlösung. Alle technischen Neuentwicklungen verbrauchen Ressourcen, es ist somit kein ökologisches Nullsummenspiel! Daher sollten wir diese Werkzeuge bewusst und achtsam einsetzen und nicht dem Irrglauben verfallen, „wir machen weiter wie bisher und dann wird alles gut“.

Du legst einen Schwerpunkt auf emanzipatorisches, solidarisches Miteinander. Wie können wir diese Prinzipien auf die Digitalisierung anwenden?

Als bestes Beispiel möchte ich Wikipedia voranstellen. Anstatt das Wissen als geistiges Eigentum der Allgemeinheit vorzuenthalten und somit künstlich Mangel zu schaffen, wird es allen frei verfügbar als Gemeingut zur Verfügung gestellt. Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für mich ist Open-Source-Software, also das Veröffentlichen von Quellcodes. Die Bewegung der „Open-Source-Ecology“ geht einen Schritt weiter und stellt nicht nur Software, sondern auch die Baupläne von Hardwarekomponenten (Open Hardware) zur Verfügung.

Logo Open Source Ecology Germany

Was hältst Du von digitalen Währungen?

Wer mich kennt weiß, dass ich kein großer Freund von Währungen allgemein bin. Bei Währungen geht es immer um Leistung und Gegenleistung, dadurch wird immer versucht, einen vergleichbaren Wert aufzubauen. Gleichwohl können einige digitale Währungen auch Vorteile mit sich bringen hinsichtlich Dezentralität, Anonymität und Unabhängigkeit. Trotzdem sind digitale Währungen auch kein ökologisches Nullsummenspiel, insbesondere bei der Betrachtung von Bitcoin, der ziemlich viel Energie verbraucht.

Kennst Du ecobasa? Das ist eine Onlineplattform für Schenkökonomie, deren Gründer Arne Bollinger einen ähnlichen Ansatz verfolgt wie Du. Siehst Du einen Bedarf an Online-Plattformen dieser Art?

Ecobasa und Arne kenne ich auch. Ich finde es super spannend und auch wichtig, was er da tut. Wenn ich Arnes wunderbares Engagement richtig beobachtet habe, dann ist er durch verschiedene Dörfer (auch Ökodörfer) gefahren und hat dort Schenkgemeinschaften aufgebaut. Mein Schwerpunkt ist ein anderer und ich versuche auf niedrigschwelliger Ebene anderen Menschen Mitmachräume zur Verfügung zu stellen. MOVE UTOPIA bietet so eine Möglichkeit, sich 5 Tage lang mit ca. 1.000 Menschen drogenfrei, vegan und tauschlogikfrei zu begegnen. Das Festival findet dieses Jahr vom 9. bis 14. Juli in Harzgerode statt.

So ergänzen sich unsere beiden Ansätze hervorragend.

Logo des Festivals MOVE UTOPIA – Quelle: https://move-utopia.de/de

Viele Menschen wollen an einem gesellschaftlichen Wandel mitwirken, haben aber keine Zeit, weil sie arbeiten müssen. Gibt es da einen Ausweg?

Das ist auch ein Punkt, den ich kritisiere: „Wir haben keine Zeit, das Wichtige zu tun, weil wir gezwungen sind, arbeiten gehen zu müssen, um überleben zu dürfen.“ Häufig machen wir ehrenamtliche Dinge zusätzlich zu unserer Arbeit. Und wenn der Job dann zu anstrengend wird, leidet unser Engagement. Mein Dreiklang lautet: Suffizienz, Subsistenz und Sharing. Das lässt sich folgendermaßen beschreiben

  • geldfreier werden bedeutet, arbeitsunabhängiger zu werden,
  • arbeitsunabhängiger zu werden heißt, mehr freie Zeit zu haben.
  • Und so habe ich mehr Raum, meine Talente, Berufung und Potenziale zu entdecken und sie gemeinwohldienlich einzusetzen.

Dann habe ich auch die Möglichkeit, das gute Leben für alle einzufordern auf mindestens drei Ebenen: widerständig, Austausch anregend und Utopien vorlebend usw. In meinem Buch habe ich 10 Menschen porträtiert, die pionierhaft den gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich greife zwei Beispiele heraus.

  • Ich kann z.B. einfach meine Arbeitszeit kürzen, also weniger arbeiten, und die so freigewordene Zeit zum Engagement nutzen.
  • Oder ich nutze eine gemeinsame Ökonomie, gehe also solidarisch mit dem Geld um. Warum sollte ich mit Geld nicht anders umgehen als mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Wohnen? „Mein Geld, Dein Geld“, das sind doch bürgerliche Kategorien.

Ich lade dazu ein, Commons-Strukturen zu schaffen, also Gemeinwohlorte, -initiativen und -infrastruktur zu schaffen, die wir gemeinsam nutzen können. Dann müssen wir dafür auch weniger arbeiten.

Inwiefern könnte uns ein bedingungsloses Grundeinkommen helfen, um die Zivilgesellschaft zu aktivieren?

Die Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen ist insofern dienlich, als dass elementare Sinn- und Machtfragen gestellt werden. Etwa „Was würde ich tun, wenn Geld keine Rolle mehr spielt?“. Auch kein Einkommen mehr zu benötigen, um existieren zu können, schafft eine Unabhängigkeit von Leistung und Gegenleistung. Ich möchte aber auch mahnen, dass einige große CEOs das toll finden. Warum? Ihre eigentlichen Beweggründe sind wirtschaftlicher Art, die Kaufkraft sinkt derzeit, weil mehr Menschen in finanziell prekärer Situation sind. Durch ein Grundeinkommen lassen sich die Kaufkraft steigern und somit neue Absatzmärkte erschließen.

Wozu ich einlade ist, dass wir uns eher inspirieren lassen vom Bedingungslosen Grundauskommen. Dadurch müssen wir nicht erst schauen, wie viel Geld wir zum Leben brauchen, sondern auf die Dinge, die unsere Grundbedürfnisse abdecken. Dazu zählen der Zugang zu Wohnraum, öffentlichem Nahverkehr, Lebensmitteln usw. Und das lässt sich auch Commons-basiert organisieren.

Es gründet sich gerade ein „Bündnis für den sozial-ökologischen Wandel“. Was ist Deine Sicht auf solche Bündelungen und Vernetzungsbestrebungen? Und was müsste so ein Bündnis bieten, dass Du Teil dessen werden möchtest?

Vernetzung ist wichtig, um gemeinsam Projekte zu organisieren und zu mobilisieren. Dabei sollten wir den Fokus nicht zu sehr auf Verschiedenheiten legen. Der Protest im Hambacher Wald hat z.B. nur geklappt, weil alle kooperiert haben, selbst dann. wenn sie unterschiedliche Sichtweisen hatten. Die gesamte Energie wurde auf den gemeinsamen Weg gelegt, statt spalterisch unterwegs zu sein.

Welche Werte mir am Herzen liegen, sind Solidarität und Tauschlogikfreiheit. Das sollte in dem Netzwerk verankert sein. Schön wäre es, wenn die Räume, die dort entstehen, auch vegan und drogenfrei wären, auch wenn das einige Leute erst einmal abschreckt. Es heißt ja auch nicht, dass man von jetzt auf gleich vegan und drogenfrei werden muss, sondern erst einmal nur während der Treffen. Und wenn es einem gefällt, kann man es ja in seinen Alltag integrieren.

Was hältst Du vom aktuellen politischen System in Deutschland? Braucht unsere Demokratie lediglich ein Update oder brauchen wir etwas ganz Neues?

Lacht. Die Frage ist natürlich in der Kürze der Zeit schwer zu beantworten. Meine Position würde ich folgendermaßen zusammenfassen. Die Definition von Demokratie ist „Herrschaft des Volkes“. Nun bin ich eine Person, die Herrschaft ablehnt und den Begriff des Volkes sehr kritisch betrachtet. Ergo, lasst uns herrschaftsfreie Strukturen schaffen. Dies lässt sich am diplomatischsten mit der Worten „basisdemokratisch“ oder „anarchistisch“ bezeichnen, d.h. frei von Herrschaft und nicht – wie von den Medien oftmals behauptet – chaotisch und ohne jegliche Regeln.

Ein System, in dem sich freie Menschen nach freien gemeinschaftlich getroffenen Vereinbarungen organisieren.

Wenn Du eine Botschaft an die Welt kompakt formulieren müsstest, wo es um Digitalisierung und Zivilgesellschaft geht, wie würde sie lauten?

Bildet Banden und organisiert Euch. Kreiert Kollektive und schafft neue Selbstverständlichkeiten, nicht nur digital, sondern – ganz wichtig – real.

Titelbild: privat

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Eine Antwort auf „Tobi Rosswog – „Bildet Banden und organisiert Euch!““

  1. Schöner Artikel. Ich habe auch ein Jahr ohne Geld in Frankreich gelebt und viele Jahre außerhalb des Systems mit so wenig Geld wie möglich. Ich stimme mit Tobi Rossweg in fast allem total überein. Auch für mich ist die meiste geleistete Lohnarbeit zerstörerisch und nicht förderlich, um eine andere und bessere, weniger zerstörerische Welt zu kreieren. Für mich brauchen wir ein komplett anderes System mit einem bedingungsvollen Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat, wobei jeder Mensch sich im Gegenzug eineinhalb bis zwei Stunden am Tag an fünf Tagen pro Woche einbringt bei dem, was wirklich gebraucht wird. Dann sind wir alle von der lästigen und den Planeten zerstörenden Lohnarbeit befreit und können frei entscheiden, was gut und richtig ist zu tun und was besser ist, zu lassen, um eine bessere Welt entstehen zu lassen und gemeinsam aufzubauen. Auf meiner Website anotherworld.site habe ich so ein neues System und Lösungsansätze für eine Welt von morgen ansatzweise durch Zukunftsvisionen beschrieben, um zu zeigen wo es hingehen könnte (und meiner Ansicht nach definitiv auch sollte). Es ist auch ein gesetzter Implus, damit jede(r) selber in sich seinen eigenen Visionen nachforschen und für sie gehen und stehen kann.

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