ecobasa.org – Schenknetzwerk für nachhaltige Lebensweisen

Junge Menschen wollen nachhaltige Lebensstile kennenlernen. Ökodörfer suchen Unterstützung in ihren Tätigkeiten. ecobasa bringt diese Gruppen passgenau und ohne Geld über eine Plattform zusammen und zeigt, wie die Welt von morgen mit einer Schenkökonomie funktionieren könnte.

Dies ist der sechste Artikel zu unserer Themenreihe „Digitale Vernetzung der Wandelbewegung“. Unser Interview führten wir mit Arne Bollinger.

Beschreibe in max. 3 Sätzen das Projekt, an dem du gerade arbeitest.

ecobasa.org ist im Kern ein Ressourcenpool für nachhaltige Gemeinschaften und Menschen. Auf der Online-Plattform können sich die NutzerInnen gegenseitig Ressourcen, Dienstleistungen und Produkte schenken – und über ein selbstorganisiertes Logistik-System kommen diese zu den entsprechenden Orten.
Die Plattform ist ein wichtiges Werkzeug, um die Offline-Community zu stärken und authentische Begegnungen zu fördern.

Bei ecobasa geht es um die persönliche Begegnung und bedingungsloses Schenken. Hier ein Bild der Communibee-Tour, bei der mehrere Gemeinschaften besucht wurden.

Nutzt du eine bestehende Plattform-Lösung oder entwickelst du etwas eigenes?

ecobasa baut auf der WECHANGE-Plattform auf und ergänzt diese mit spezifischen Funktionen für Schenkökonomie.

Warum hast du deine Entscheidung so getroffen?

Zu Beginn des Projekts hatten wir eine Out-of-the-box Lösung mit Drupal. Als das Netzwerk innerhalb von zwei Jahren auf über 2.000 NutzerInnen angewachsen war, haben wir gemerkt, dass es für große Communities eine stabilere und professionelle Lösung braucht.
Im Zuge unserer Recherchen sind wir auf die Sinnwerkstatt-Medienagentur gestoßen, die damals begonnen hatte, WECHANGE zu entwickeln. Kurz darauf habe ich dort als Programmierer gearbeitet und den damaligen Hauptentwickler von ecobasa bei der Sinnwerkstatt eingeschleust.
Somit kam es dazu, dass wir ecobasa von Anfang an parallel zu WECHANGE entwickelt haben. Das war eine technische und politische Entscheidung.

ecobasa.org basiert auf WECHANGE.

Was ist der Zweck der Plattform, die du einsetzt?

Menschen sollen auf der Plattform dazu inspiriert werden, auf eine nachhaltige Art und Weise miteinander zu interagieren und Schenkökonomie anzuwenden. Die Plattform fördert neue Kontakte zwischen nachhaltigkeitsinteressierten Menschen und Ökodörfern und zwischen Menschen, die eine Gemeinschaft gründen wollen. Begleitet wird dies durch ein Handbuch zur praktischen Anwendung von Schenkökonomie.

Foto von Broschüren und Flyern von ecobasa
Die Unterlagen „Gift Ambassador Materials“ unterstützen Botschafter bei der Einführung von Schenkökonomie in ihren Communities.

In welchem Stadium befindet sich die Plattform (Idee, Prototyp, fertiges Produkt)?

Derzeit ist ecobasa ein Prototyp auf Basis einer älteren Version von WECHANGE. Wir streben an, diese auf die neueste Version von WECHANGE zu updaten, um die neuesten Funktionalitäten nutzen zu können – was allerdings viel Zeit, Arbeit und Geld kosten wird.
Darauf aufbauend können wir anschließend einen Matching-Algorithmus programmieren, um Menschen und Gemeinschaften nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen zusammenzubringen. Ich hoffe, ecobasa wird nie ein fertiges Produkt sein und sich immer weiter entwickeln.

Für welche Zielgruppe ist die Plattform gedacht?

ecobasa hat zwei Zielgruppen definiert, wobei die Bedürfnisse einer Gruppe jeweils von der anderen erfüllt werden können:

1. Menschen, die in Gemeinschaften leben

Lebensgemeinschaften haben häufig spezielle Bedarfe, für die Dienstleistungen eingekauft werden müssten. Da das Geld dafür in der Regel fehlt, ist es sinnvoller, entsprechend qualifizierte Menschen vor Ort zu haben, die gegen Kost und Logis arbeiten.

2. Menschen, die an einer nachhaltigen Lebensweise interessiert sind

Das sind vorwiegend junge Menschen zwischen 16 und 40, die sich neu orientieren möchten – z.B. weil sie gerade mit Schule, Ausbildung oder Studium fertig sind oder einen Job gekündigt haben. Anhand ihrer Fähigkeiten und Qualifikationen werden diese Menschen in die Gemeinschaften vermittelt.

ecobasa verknüpft gezielt die konkreten Bedarfe der Gemeinschaften und die Menschen mit den entsprechenden Fähigkeiten. Die Idee dahinter ist, dass Gemeinschaften keine ProgrammiererInnen, DesignerInnen und AnwältInnen bezahlen müssen.

Über ecobasa vermittelt erhalten junge Menschen die Möglichkeit, nachhaltige Bauweisen zu erlernen.

Wie erreicht ihr eure BenutzerInnen?

Es ist bei uns eigentlich andersherum – die BenutzerInnen erreichen uns. Wir werden sehr oft angeschrieben und erhalten teilweise sehr lustige Anfragen. Auf der Plattform gibt es auch auf jeder Seite ein Feedback-Formular, wo BenutzerInnen Ideen für die weitere Entwicklung einbringen können.

Da wir viel in Gemeinschaften unterwegs sind, hat sich über die Jahre ein großes Netzwerk entwickelt und wir haben viele guten Freundschaften geknüpft. Durch Veranstaltungen wie Jugendaustausche und Tranings für Schenkökonomie-Botschafter entwickelt sich unser Netzwerk stetig weiter.

Wir haben einen eigenen Blog auf unserer Plattform und die Benutzer sehen unsere Nachrichten in ihrem Stream. Ansonsten sind wir hauptsächlich auf Facebook aktiv und versenden einen Newsletter. Hier warten allerdings noch viele Inhalte und Neuigkeiten auf ihre Veröffentlichung und wir suchen Unterstützung für die Öffentlichkeitsarbeit.

Wie groß ist die Community der Plattform und wie aktiv ist diese?

Auf ecobasa sind ca. 800 NutzerInnen und über 80 Gemeinschaften registriert. Es wird aktiv genutzt – wir haben ca. 2.000 BesucherInnen pro Monat.

ecobasa veranstaltet auch Treffen wie das „Urban Communities Convergence“, bei dem nachhaltige Lebensweisen in urbane Räume gebracht werden.

Hat die Plattform einen thematischen Schwerpunkt?

Ja, nachhaltige Lebensweisen und Schenkökonomie. Das sind Bereiche, die meiner Ansicht nach auch zusammengehören. Schenkökonomie ist aber im Bewusstsein vieler Wandel-AkteurInnen noch nicht besonders verankert. Ich denke sogar, dass es gar keinen Wandel geben kann, wenn wir nicht unsere Kultur überdenken, die leider sehr patriarchal / kapitalistisch geprägt ist.

Was sind die Kernfunktionen der Plattform?

  • Karte und Suchfunktion (Finden von Orten und Menschen)
  • Kommunikation mit diesen Orten und anderen Menschen
  • das Finden und Vermitteln von Dienstleistungen & Ressourcen auf Schenkbasis
  • der Social-Netzwerk-Stream
  • Selbstorganisationstools für Gemeinschaften und Reisende (Blog, Events, Kalender, Doodle, Etherpads, ToDo’s)
Screenshot der Karte von ecobasa – hier sind die mitwirkenden Gemeinschaften verzeichnet.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Plattform?

Bislang gibt es keinen Dienst, der für Ökodörfer möglichst passgenau Freiwillige findet.

Auch die Kombination der Zielgruppen ist sehr speziell. Schenkökonomie steht aktuell noch am Rande des Spektrums von alternativen Ökonomien. Und auch die nachhaltigen Lebensweisen, die in Ökodörfern praktiziert werden, sind noch nicht im Mainstream angekommen. Aber diese beiden Bereiche passen gut zusammen – und deren Kombination gibt es bislang nur sehr selten.

Gibt es ähnliche Plattformlösungen / Mitbewerber?

Ja, es gibt ähnliche Projekte – z.B. Numundo, die sich aber auf Nord- und Südamerika spezialisiert haben. Mit ihnen sind wir seit Jahren in Kontakt und inspirieren uns gegenseitig. Aufgrund der räumlichen Distanz und einem kulturell anderen Ansatz ist eine Zusammenarbeit aber bislang nicht zustande gekommen. Numundo hat uns auch gesagt, dass sie uns als Konkurrenz wahrnehmen. Das ergibt in der Welt der Schenkökonomie keinen Sinn, dort geht es eher um Kooperation als um Konkurrenz.

Wie ist der technische Aufbau der Plattform?

ecobasa basiert auf WECHANGE, ist aber technisch gesehen kein „Fork“. Wir binden deren Apps lediglich in Django ein und überschreiben bzw. erweitern verschiedene Standardfunktionen.

Das Backend von ecobasa ist weitgehend identisch zu dem von WECHANGE, die Profile haben halt mehr und andere Daten. Das Frontend hingegen haben wir komplett neu designt.

Ist die Plattform eine Open-Source-Lösung?

Ja, das ist uns auch persönlich im Sinne der Schenkökonomie sehr wichtig. Der Code ist hier verfügbar: https://github.com/ecobasa/ecobasa/

Hat die Plattform Schnittstellen?

Ja, wir haben auch ganz viel Zeit in die Kollaboration mit anderen Netzwerken investiert. Das Global Ecovillage Network (GEN) hat bspw. ein Verzeichnis und eine Karte von Ökodörfern. Diese Daten ließen sich leicht mit ecobasa synchronisieren – von unserer Seite ist auch alles dafür vorbereitet. Leider ist dies aber aus Mangel an Ressourcen und Menschen seitens GEN bislang nicht erfolgt, wir behalten das aber weiterhin auf dem Schirm.

Das „Tribe of Awakening Sovereignty“ (http://tribeofawakeningsovereignty.com/) hat unsere Datenbank auf ihrer Web-Präsenz eingebunden. Wie die das machen, weiß ich nicht. Aber ich nehme an, sie haben es sich aus dem Frontend kopiert.

Aus unserer Sicht ist eine uneingeschränkte Datenweitergabe an Dritte nicht sinnvoll. Uns ist die „Datenhoheit“ wichtig, d.h. jedeR NutzerIn sollte ein Recht haben zu bestimmen, wo die Daten liegen bzw. veröffentlicht werden, und wir wollen nicht über unsere Mitglieder hinweg entscheiden, was mit ihren Daten passiert, wie es ja leider heutzutage bei sozialen Netzwerken (und Suchmaschinen) üblich ist.

Wie ist das Geschäftsmodell der Plattform?

Schenkökonomie – wir sind auf finanzielle Unterstützung der BenutzerInnen angewiesen. Das reicht zum Glück immer, um die Rechnungen zu bezahlen – Hosting, Domain etc. Ansonsten profitieren wir privat von dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben.

Teil unserer Vision ist es, ein Netzwerk aufzubauen, wo die Mitglieder die gleichen Werte teilen und beieinander wohnen können und alles bekommen, was sie brauchen. Meine Erfahrungen der letzten Jahre zeigen – es funktioniert, das ist schon Realität.

Junge Menschen können ihre handwerkliche Fähigkeiten in nachhaltigen Gemeinschaften einbringen und ihre Kenntnisse erweitern.

Was ist die Historie der Plattform?

Alles hat Ende 2011 mit einer lustigen Idee begonnen, nachdem ich mit meinem Studium fertig geworden bin. Gemeinsam mit einem Freund haben wir eine Drupal-basierte Lösung gestrickt, ohne großartige Programmierkenntnisse zu haben. Mit diesem Prototyp sind wir herumgereist und haben erste Netzwerke geknüpft. Es folgten viele Feedbacks, die wir ins Kozept und in die Plattform eingebaut haben.

2014 erfolgte die Umstellung auf WECHANGE inkl. Relaunch auf einem neuen Design. Seitdem passiert die Weiterentwicklung auf freiwilliger Basis.

Wer steht hinter der Plattform?

Im Moment hauptsächlich meine Partnerin und ich. Es wäre schön, wenn NutzerInnen der Plattform diese auch in irgendeiner Form unterstützen könnten. Sei es durch Programmierung, Öffentlichkeitsarbeit o.ä.
Da aber alle Arbeiten auf Freiwilligkeit basieren und wir hauptsächlich junge Menschen in Umbruchphasen erreichen, hat unser Team über die Jahre sehr viel Fluktuation erfahren. Das erschwert einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess.

Trotzdem ist es schön zu sehen, dass sich alle der 25 ehemaligen Mitwirkenden noch immer mit der Plattform und dem Projekt identifizieren – auch wenn sie gerade nicht dazu beitragen können.

Arne Bollinger ist Initiator und treibende Kraft hinter ecobasa.org.

Wo ist der Sitz der Organisation?

In Berlin, bei mir zuhause. Eine Weile lang gab es einen Soli-Arbeitsplatz in der ThinkFarm im Sinne einer Schenkökonomie, deren Räumlichkeiten wir als Co-Working-Space nutzen konnten.
Aktuell gibt es aber keinen Bedarf für mehr Räumlichkeiten, da wir ein sehr kleines Team sind.

Welche Rechtsform haben die Macher?

Wir sind ein eingetragener Verein und streben seit Jahren die Gemeinnützigkeit an. Laut Abgabenordnung ist Schenkökonomie kein gemeinnütziges Tätigkeitsfeld, hier scheint mir das deutsche Vereinsrecht etwas eingestaubt. Wir müssen daher versuchen, eines der anderen gemeinnützigen Felder zu betonen, um eine Gemeinnützigkeit zu erlangen.
Wir führen regelmäßig Veranstaltungen durch, in denen wir Menschen zeigen, wie sie Schenkökonomie im Alltag und ihren Projekten nutzen können, und die Webseite soll das ja auch vermitteln. Bildung käme also als gemeinnütziger Zweck infrage.

Wünschen sich die Macher der Plattform Unterstützung?

Ja, ja, ja!

Konkret suchen wir:

  • ProgrammiererInnen, die auf Python und Django Lust haben
  • User Experience DesignerInnen
  • Social-Media-ManagerInnen
  • juristische BeraterInnen für unsere AGB

Kooperieren die Macher der Plattform mit weiteren Partnern?

Ja, es bestehen aktive Kooperationen mit WECHANGE, GEN und NextGEN.

Darüber hinaus habe ich seit Beginn des Projekts etwa 70% meiner Zeit in Kollaboration und Netzwerken gesteckt. Denn es mach Sinn, alles zu verwenden, was es schon gibt.

Leider bin ich bei einigen Plattformen nicht weiter gekommen – hier laufe ich scheinbar gegen eine „kulturelle Wand“. In der Welt der freien Marktwirtschaft wird nämlich oft in Konkurrenz gedacht, aber das liegt mir fern.

Foto von den Community Tours 2014

Was sind die nächsten Schritte für die Plattform?

Gemeinnützigkeit hat derzeit die oberste Priorität, weil wir dadurch Zugang zu Fördermitteln bekommen, um Programmierung und IT-Equipment finanzieren zu können.

Als nächstes möchte ich Unterstützer finden, um nicht alle Dinge selbst tun zu müssen.

Im Zuge des m4h-Labs 2018 werden wir gemeinsam mit WECHANGE einen Hackathon veranstalten, um den Quellcode von WECHANGE zu veröffentlichen und gemeinsam weiter zu entwickeln. ecobasa, das auf WECHANGE basiert, möchten wir auf die aktuelle WECHANGE-Version updaten – bis zum Hackathon möchten wir dafür bestens vorbereitet sein.

Zum Sommer bzw. Herbst 2018 planen wir den nächsten Jugendaustausch. Die Förderanträge dafür laufen gerade.

Was ist dein Fazit zur Plattform?

Online ist gut, offline ist noch besser. Die Plattform soll letztendlich nur ein Werkzeug sein, um eine Community zwischenmenschlich aufzubauen und Erfahrungsräume zu eröffnen.

In diesem Projekt habe ich unglaublich viel gelernt. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass man die Welt mit technologischen Möglichkeiten verändern kann. Da die Welt aber von Menschen gemacht wird, muss man die Menschen verändern – und das ist ganz schön hartnäckig. Dies erfordert einen sehr individuellen persönlichen Prozess, der viele Jahre dauern kann. Dazu braucht man viel Geduld!

Das ecobasa-Netzwerk und die Projektidee entwickeln sich langsam, aber sehr organisch. Einfach eine Plattform programmieren und hinstellen – das funktioniert so nicht. Man muss mit den Menschen direkt arbeiten, die das Netzwerk ausmachen.

Hier geht es zur Internetseite von ecobasa: https://ecobasa.org

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