Martin Häuer über den ersten offiziellen Standard für Open-Source-Hardware

Dieses Mal haben wir mit Martin Häuer über offene lizenzfreie Baupläne gesprochen. Martin ist Projekmanager bei OSE Germany e.V. und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik.

Interview: Peter Hartmann

Hallo Martin, Du bist aktiv bei Open Source Ecology Germany und koordinierst die Aktivitäten rund um Open Source Hardware. Es geht um technologische Komponenten nach offenen Bauplänen. Was ist das konkrete Ziel Deiner Arbeit?

Ziel ist der Auf- und Ausbau einer Infrastruktur für Open-Source-Hardware (speziell hinsichtlich Standardisierung, Informations- und Kommunikationstechnologie, Rechtsfragen und Geschäftsmodellen), sodass gemeinschaftliche Technologieentwicklung und -verwertung zu einer Mainstream-Anwendung in Industrie, Bildung und Forschung werden kann.

Gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Normung haben wir in den letzten zwei Jahren den ersten offiziellen Standard für Open-Source-Hardware entwickelt: DIN SPEC 3105 (Teil 1Teil 2, repo). Es ist auch der erste offizielle Standard, der unter freier/offener Lizenz veröffentlicht wird (CC BY-SA 4.0). Der Standard legt eindeutige Kriterien für die technische Dokumentation quelloffener Hardware fest und definiert einen Community-basierten Prüfprozess.

Der Standard ist eine Art Grundstein; er definiert ein eindeutiges Verständnis dafür, was Open-Source-Hardware ist und wie man das prüft. Damit haben wir die OSHWA-Definition etwas aufgebohrt. Klingt etwas banal, aber da kann man schon einiges mit machen. Beispielsweise können sich nun Forschungsprojekte die Dokumentation ihrer Prototypen nach DIN SPEC 3105-2 bescheinigen lassen, womit das auch als Projektergebnis verwertbar wird. Kurz: So kann OSH-Entwicklung über Forschungsprojekte öffentlich finanziert werden und es entsteht ein konstanter Strom frei verwertbarer Hochtechnologie (public money, public code, public hardware!).

Wie ist der aktuelle Stand des DIN Projektes? Was sind die nächsten Schritte?

Der Standard befindet sich gerade in der Qualitätsprüfung beim DIN. Ende Juni 2020 wurde er dann endlich nach langer Arbeit veröffentlicht. Parallel bauen wir im Verein gerade die weltweit erste “Konformitätsbewertungsstelle” für Open-Source-Hardware auf – nach DIN SPEC 3105-2. Bisher stehen bei uns 20 gut dokumentierte OSH-Projekte auf der Liste, die wir als erstes dem Community-basierten Bewertungsprozess unterziehen werden. Dafür suchen wir übrigens noch Peer-Reviewer. Das Ganze läuft dann über eine unterstützende Online-Plattform. Diese befindet sich noch in Entwicklung und wird über oho.wiki verfügbar sein.

Welche Potenziale bietet das DIN-SPEC-Projekt, um Produktion und Entwicklung von Open Hardware unabhängig von Staat und Markt zu organisieren?

Ich kann Hardware nur dann dezentral produzieren, reparieren, modifizieren, […] wenn a) die technische Dokumentation vollständig ist und b) die Lizenz es erlaubt. Mit DIN SPEC 3105-2 kann das bescheinigt werden. Normgerechte Hardware wird zudem vergleichbar bzw. zueinander kompatibel. Und hier wird’s ja dann erst richtig spannend: Hardware-Module frei miteinander rekombinieren. So soll eine eine freie technologische Infrastruktur im Maschinenbau entstehen – so ähnlich, wie wir es aus der Software bereits kennen, nur eben etwas strukturierter.

Damit das in der Praxis allerdings funktioniert, muss noch einiges bei der ICT-Infrastruktur passieren. Da sind wir dran.

Wären in Deiner Vorstellung autarke Werkstätten in Gemeinschaftsbesitz wie zum Beispiel ein OpenEcoLab (es gibt mehrere OpenEcoLab-Definitionen) auch in der Lage, Computerchips, Solarzellen und Energiespeicher zu produzieren, die bisher von hochspezialisierten Großfabriken in Konzernbesitz hergestellt werden?

Es kommt stark drauf an, was man in OpenEcoLabs herstellen möchte. Und in welcher Menge. Und nach welchen Standards.

Computerchips lassen sich schwer in einer Garage herstellen. Dafür eignen sich diese hochspezialisierten Großfabriken schon eher. Und die sind auch um Längen billiger.

Letztendlich ist es auch zweitrangig, wem die Maschinen in den großen Fabriken gehören. Viel wichtiger ist die Frage, wem die Technologie gehört. Also wer das Recht und das Wissen hat, diese Maschinen (und diese Chips) herzustellen. Sobald diese Technologie offen zugänglich ist, spielt es keine wirkliche Rolle mehr, wer diese Chips mit welchen Maschinen herstellt.

Ich sehe OpenEcoLabs eher als Orte freier Forschung, wo interdisziplinäre Projekte gemeinschaftlich entwickelt, gebaut und getestet werden können. Weniger als Produktionsstandorte. Sollte sich das künftig ändern, ist das natürlich auch nicht schlimm 🙂

Seid Ihr in Kooperation mit anderen Organisationen, die möglicherweise in diesen Bereichen aktiv sind? Wünschst Du Dir Kooperationen mit bestimmten Organisationen?

Na klar! Allein bei der Initiierung und Durchführung des Projektes um die DIN SPEC 3105 waren gut 35 Organisationen beteiligt. Darunter viele Europäische Universitäten und Communities und auch ein paar Organisationen aus ferneren Zeitzonen wie etwa die Open Source Hardware Association oder Open Source Ecology aus den USA.

Für die Normungsarbeit waren wir recht gut aufgestellt. Für die künftigen Projekte würde ich gern mit Menschen zusammenarbeiten, die Open-Source-Projekte im Patentrecht oder im Bereich der CE-Zertifizierung vorantreiben. Über eine Partnerschaft mit dem Open Paten Office würde ich mich sehr freuen.

Was würdest Du Dir wünschen, wie der Staat Open Source Projekte konkret unterstützen sollte? Hast Du einen konkreten Appell?

Jepp, zwei konkrete Vorschläge:

  1. Public Money, Public Code, Public Hardware. Wo auch immer Hard- oder Software staatlich finanziert entwickelt wird, sollten die Ergebnisse konsequenterweise auch öffentlich verwertbar sein. In Forschungsprojekten etwa. Selbes gilt für den Einsatz von Hard- oder Software im öffentlichen Bereich. Es hat sich mir nie wirklich erschlossen, warum nicht die komplette ICT-Infrastruktur des Staates auf freier Software basiert.
  2. Ein europäischer Open Hardware Fund, also ein Fördertopf für Communities, die Open-Source-Hardware-Projekt entwickeln. In kleinen Organisationen sind die Gelder oft um ein Vielfaches effizienter angelegt; für die gibt’s aber keine Fördertöpfe. Für freie/offene Software gibt es so eine Einrichtung bereits: den Prototype Fund, finanziert vom BMBF. Da finde ich uns (Deutschland) schon sehr fortschrittlich. Ein ähnliches Konzept ließe sich für Hardware verwirklichen. Damit könnte man eine europäische Kreislaufwirtschaft effektiv fördern. Konkrete Ideen, wie ein solcher Open Hardware Fund funktionieren könnte, haben wir übrigens auch schon.

Eine wachsende Zahl von Initiativen wie Faircoin, coinsence.org und fin4.net entwickeln derzeit sozial-ökologische Alternativen zum Bitcoin. Hältst Du es für möglich, mit derartigen Kryptowährungen die Produktion und Entwicklung von Open Source Hardware dezentral und automatisiert zu organisieren?

Man könnte jetzt schon die Produktion und Entwicklung von Open-Source-Hardware dezentral organisieren. Kryptos können dabei gut unterstützen, klar. Am Ende des Tages muss aktuell das meiste jedoch noch in Euro bezahlt werden. Mit Kryptos könnte man ein paar Wege abkürzen und einige Geschäftsbereiche auch erst dadurch zugänglich machen, da sie erstmals effizient möglich werden; so wie es beispielweise IOTA im ITO-Bereich vorhat oder die Economic Space Agency mit der Realwirtschaft. Wirklich fundiert kann ich diese Frage jedoch nicht beantworten. Da weiß sicherlich jeder engagierte Mensch in den genannten Initiativen mehr als ich.

Bislang ist es Menschen kaum möglich, mithilfe von Open Source Projekten ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Einige setzen ihren Fokus stark auf kooperative Lösungen – wie kann man dieses Problem lösen?

Das ist eine sehr große Frage und ich behaupte nicht, die allumfassende Antwort darauf zu haben – aber ich habe ein paar gute Ideen. Ein paar davon kann ich hier ja mal anreißen.

Kurz: Mit Open-Source-Hardware Geld zu verdienen, ist in den meisten Fällen überhaupt kein Problem. Produzieren, vertreiben, warten, sonstige Dienstleistungen … all das wird ganz normal bezahlt. Die Geometrie und Zusammensetzung von Maschinenschrauben sind auch kein Geheimnis und viele Firmen können von Produktion, Vertrieb etc. in diesem Bereich gut leben. Das eigentliche Problem sind die Entwicklungskosten. Dafür gibt’s verschiedene kurz- und langfristige Lösungswege.

Kurzfristig kann man sich an öffentliche Gelder halten, durch Forschungsprojekte etwa oder in direkten Kooperationen wie in Barcelona die Makerspaces, oder in Nischenmärkten agieren. Beim CERN, speziell die Abteilung unter Javier Serrano, arbeitet man sehr gern mit Open-Source-Lösungen. Schnelle Reparierbarkeit, ausgezeichnete Anpassbarkeit unabhängig vom Lieferanten und geringe Folgekosten sind die Hauptargumente.

Mittel- bis langfristig läuft die Frage darauf hinaus, wie wir als Gesellschaft zusammen leben und wirtschaften wollen. Für eine effektive und effiziente Kreislaufwirtschaft oder für demokratische Innovationsprozesse sind Open-Source-Prinzipien in meinen Augen ein Grundstein und könnten daher auch eine politische Forderung werden. Gerade jetzt wird es interessant, da sich die (vielleicht sogar weltweite) Frage aufdrängt, wie die Wirtschaft nach der Corona-Krise aufgestellt werden soll. Bedarf für schnelle, technisch ausgereifte, gemeinschaftliche Lösungen für eine öffentliche Krise gäbe es ja jetzt schon. Safecast hat nach der Nuklearkatastrophe bei Fukushima die Potenziale von Open-Source-Lösungen aufgezeigt. Für COVID-19 könnte man das ähnlich machen. Und machen wir als internationale Gesellschaft tatsächlich auch schon. Zögerlich, aber wir sind dran.

Hältst Du es für möglich, zukünftig ganze Quartiere komplett nach dem Open-Source-Prinzipien zu planen und zu bauen, so wie das auf der Website urbanvillageproject.com so eindrucksvoll demonstriert wird?

Klar. Mittlerweile ist auch die dafür erforderliche ICT-Infrastruktur verfügbar. Für eine wirklich dezentrale Arbeitsweise müssten im Baubereich aber sicher noch ein paar Rechtsfragen geklärt werden. Haftung, Eigentum, Qualitätssicherung, Übernahme von Folgekosten, Versicherungen… Alles zum derzeitigen Stand schon machbar; wenn es standardisierte Lösungen gäbe, wäre das aber ungleich einfacher. Stichwort DIN SPEC 3105 🙂

Open-Source-Prinzipien sind ja auch nicht auf den technologischen Bereich beschränkt. Brewdog macht Open-Source-Bier und ist zu einer multinationalen, Multimillionen-Euro-Kneipenkette angewachsen, i4policy bietet als Plattform die Erarbeitung von Gesetzestexten nach Open-Source-Prinzipien an – und hat das in zwei Staaten bereits pilotiert; hat mich sehr beeindruckt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Infos zum DIN Projekt auf der Open Source Ecology Germany-Website.

Fandest du diesen Artikel spannend?

Vielleicht gefallen dir diese ähnlichen Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*