Klaus Burmeister – „wir müssen umdenken, auch wenn das System scheinbar noch gut funktioniert“

Nicht auf den Staat warten, sondern selbst aktiv werden. Den Blick in die Zukunft richten und vorhandene Technologien kreativer einsetzen. Diese und weitere Impulse gibt Klaus Burmeister im Interview zu den Themen Digitalisierung und Zivilgesellschaft.

Klaus Burmeister ist ein unabhängiger Zukunftsforscher und interdisziplinärer Vordenker in Richtung Digitalisierung und Zivilgesellschaft.
Seine Schwerpunktthemen sind Zukunft der Arbeit, der Produktion und von Städten. Er ist Geschäftsführer von D2030, einer Initiative, die einen gesellschaftlichen Diskurs zur Zukunft Deutschlands anregen möchte. In diesem Zusammenhang wurden eine Zukunftskonferenz im Juli 2017 durchgeführt und eine Dialogplattform ins Leben gerufen. Jüngst veröffentlichte Burmeister das Buch „Deutschland neu denken – Acht Szenarien für unsere Zukunft„.

Dies ist das erste Interview unserer Themenreihe „Digitalisierung und Zivilgesellschaft“. Wir haben Klaus Burmeister zu seiner Sicht der Dinge befragt und sehr interessante Antworten erhalten.

Die Gestaltung der Digitalisierung wird bislang von großen Monopolen bestimmt. Siehst Du das auch so und wenn ja, wie würdest Du es anders machen?

Digitalisierung ist schon ein großes Wort. Wenn damit die Plattformökonomie gemeint ist, dann sehe ich das genauso. Nach 1990 haben sich entscheidende Plattformunternehmen mit monopolartigen Strukturen herausgebildet, die heute alle in den USA / Silicon Valley und in China sitzen. Die verdienen viel Geld mit den Daten ihrer User. Dieser Plattformkapitalismus wirkt sich auch bereits in zahlreichen Konsumbereichen aus wie Mobilität, Vermietung, Gesundheitsbereich, Ernährung usw.

Wie wir das anders machen könnten, lässt sich nicht so einfach beantworten. Wenn Daten eine entscheidende Größe sind, dann stellt sich die Frage „Wem gehören die Daten und wer darf sie nutzen?“. Eine Möglichkeit, steuernd einzugreifen, wären klare Regelungen hinsichtlich Daten-Souveränität und Transparenz, wer diese Daten nutzen darf.

„Ich bin skeptisch gegenüber rein technischen Ansätze, denn es gibt keine technischen Lösungen für soziale Probleme.“

Eine weitere zentrale Frage im Kontext des Plattformkapitalismus ist der Zugriff auf Nutzerdaten durch Staat, Institutionen und Unternehmen.

Uns zwingt ja niemand, ein Smartphone, eine Internetplattform usw. zu nutzen. Aber der Mehrwert dieser auf Massendaten basierenden Produkte ist offenbar so groß, dass die Mehrheit aller Nutzer die Lösungen der Großkonzerne nutzen und nicht die Alternativen.

Aus technischer Sicht gibt es zahlreiche Alternativlösungen, auch hinsichtlich Blockchain und DAO. Ich bin allerdings skeptisch gegenüber rein technischen Ansätze, denn es gibt keine technischen Lösungen für soziale Probleme.

Aktuelles Buch „Deutschland neu denken“ – (c) Klaus Burmeister

Woran arbeitest Du gerade im Bereich der Digitalisierung?

Ich beschäftige mich gerade mit der Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Wissensarbeit.

Die Bereiche Sachbearbeitung, Reisekostenabrechnung, Buchhaltung, Call-Center usw. werden sich radikal ändern. Solche Prozesse werden zukünftig durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz stark automatisiert werden. Bis Jahresende entwickeln wir vom foresightlab eine Perspektive zur Zukunft der Wissensarbeit.

Ansonsten halte ich viele Vorträge. Viele Akteure sehen die Digitalisierung auf sich zukommen und bitten mich um Rat und Vorhersagen im Sinne von „Was bedeutet die Digitalisierung für das Maurerhandwerk?“ o.ä. Das kann ich natürlich nur bedingt liefern, aber ich möchte Orientierung verschaffen, indem ich Grenzen und Möglichkeiten aufzeige.

Welches gesellschaftliche Problem löst Du mit der Digitalisierung?

Man kann sich viel vorstellen – da gibt es seit vielen Jahrzehnten schon tolle Überlegungen, z.B. Städte vom Verkehr zu entlasten durch dezentrale Arbeitsplätze. Oder im Gesundheitsbereich – hier können Ärzte online Sprechstunden durchführen für den ländlichen Bereich.

„Fakt ist – wir müssen umdenken, auch wenn das System scheinbar immer noch gut funktioniert.“

Die technischen Möglichkeiten dafür sind bereits alle vorhanden. Trotzdem passieren diese tollen Veränderungen noch nicht. Die zentralistische Unternehmenskultur wird immer noch gelebt. Kleinere Unternehmen haben Misstrauen gegenüber dem Arbeiten von Zuhause, auch zeigt sich, dass Telearbeiter schlechtere Aufstiegschancen in größeren Unternehmen haben. Dann gibt es vielleicht umständliche Verbindungen im Nahverkehr, aber dafür tolle Stellplätze für’s Auto usw.

Kurzum: neben den technischen müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen gegeben sein, damit sich eine dezentrale Arbeits- und Unternehmenskultur entfalten kann.

Fakt ist – wir müssen umdenken, auch wenn das System scheinbar immer noch gut funktioniert. Die Automobilindustrie fährt z.B. immer noch satte Gewinne ein – trotz Klimawandels, Dieselskandals und Co. Wir brauchen viele Beispiel-Projekte und -Initiativen, die aufzeigen, wie gut alternative dezentrale Arbeits- und Lebensformen funktionieren können. Das kann Vertrauen schaffen für diejenigen, die natürlicherweise Ängste haben, von den bewährten Strukturen loszulassen.

Die Zukunft der Städte – (c) Peter Hartmann / Projektwelt Zukunft

Digitalisierung betrifft alle. Siehst Du die Notwendigkeit, dass sich jedeR mit dem Thema auseinandersetzen muss? Stichwort: Technologie-SkeptikerInnen, ältere Menschen, SelbstversorgerInnen usw.

Ja, die Digitalisierung betrifft alle. In Deutschland nutzen bereits 80% der Bevölkerung die Onlineangebote von ARD und ZDF. Auch unter den älteren Menschen gibt es hohe Steigerungsraten.

Neben den Schulen ist es natürlich auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Medienkompetenz bei den Leuten zu stärken. Denn es kommt nicht nur darauf an, mit den technischen Geräten umgehen zu können, sondern diese auch kreativ einzusetzen.

„Wir geben uns ja in Deutschland gerne als „Startup Kultur“ […], aber wenn man da genauer hinschaut, sind die Gründerzahlen seit 3 Jahrzehnten rückläufig!“

Wir haben so tolle Werkzeuge und könnten große Probleme der Welt lösen – wir haben nur nicht genügend Fantasie.
Es gibt bereits eine Reihe Verknüpfungen von sozialen und technologischen Innovationen, z.B. Nachbarschaftsinitiativen, Fablabs und Ridesharing. Das Potenzial ist aber bei weitem nicht ausgeschöpft.

Ich könnte mir vorstellen, dass das mit der Wohlstandsträgheit zu tun hat. Wir geben uns ja in Deutschland gerne als „Startup Kultur“ mit den Epizentren Berlin und Hamburg. Aber wenn man da genauer hinschaut, sind die Gründerzahlen seit 3 Jahrzehnten rückläufig!
Gerade im Bereich KMU ist 2015 die Anzahl der Innovatoren ungefähr um 30% zurückgegangen.
Wir ruhen uns auf unseren Lorbeeren aus und eigentlich bräuchte es eine digitale Gründerzeit, um Verkehr, Zusammenleben und Arbeit neu zu organisieren.

Mit welchen Organisationen und PartnerInnen bist Du derzeit aktiv?

Mit foresightlab und D2030 realisieren wir fast ausschließlich Plattformprojekte. Dabei arbeiten immer unterschiedliche Menschen und Institutionen miteinander – und so bildet sich aus gemeinsamen Projekten allmählich ein breites Netz.
Beim foresightlab kooperieren wir z.B. mit Partnern aus Wirtschaft und Politik (European Business School, Daimler, Bayer, Forschungsministerium u.v.m.).

Was mir aufgefallen ist – einige Szenen scheinen sich abzuschotten. Ich denke hierbei an die Ökologieszene, „New Work“ usw.
Aus meiner Sicht existieren derzeit zu wenige szeneübergreifende transformative Ansätze.

Digitalisierung durch die Zivilgesellschaft. Ohne Einbindung des Staates und des Marktes. Funktioniert das?

Sagen wir mal so – wir brauchen neue und übergreifende Kooperationsformen. In solchen Konstellationen können z.B. bürgernahe Dienstleistungen im Rahmen einer städtischen Gesellschaft mit den Rathäusern zusammen entwickelt werden. So können Lösungen zu Problemen wie Leerstand, Lieferverkehr oder eine funktionierende Versorgung ländlicher Regionen angegangen werden.

Es kann nicht zielführend sein, alle Aufgaben an die Bürger zu übertragen. Eine aktive Bürgergesellschaft gibt es auch nicht überall. Vielmehr ist die Frage, was wir für alternative Kooperationsmodelle hinbekommen. Gelungene Beispiele können dann von anderen Städten und Gemeinden übernommen werden. Vielleicht brauchen wir auch einen spielerischen Wettbewerb von Best Practice Beispielen in unterschiedlichen Städten. Früher gab es einmal eine Spielshow „Spiel ohne Grenzen„, hieran könnte man sich orientieren.

Wir brauchen neue Allianzen und lagerübergreifende Koalitionen, um aktuellen und zukünftigen Herausforderungen begegnen zu können.

Städteolympiaden – (c) Peter Hartmann / Projektwelt Zukunft

Wo siehst Du die Zukunft der Zivilgesellschaft?

Ich wünsche mir, dass sich – im Gegensatz zu heute – in allen Lebensbereichen eine aktive Bürgergesellschaft formiert, die nicht vom Staat erwartet, er wird schon alles richten.

Das kostet natürlich Anstrengung und Mühe, Zeit und Geld muss man selbst investieren.

Welche Art von Plattformlösungen wird die Zivilgesellschaft brauchen, um sich zu organisieren?

Heutzutage scheint es mir, Leute entwickeln eine App und fragen sich „wie bekomme ich da die Community rein?“. Das ist aus meiner Sicht ein verdrehter Ansatz.

Erst kommt die Problemstellung und es braucht Menschen, die von einer Lösungsidee begeistert sind – daraus entsteht die Bewegung.
Auch in Zeiten ohne Internet haben solche „papierbasierte“ Plattformen schon funktioniert, z.B. das Anzeigenblatt „Zweite Hand„.

Die Erkenntnis, dass der Staat alle zivilgesellschaftlichen Bestrebungen unterstützt, hat sich als Illusion erwiesen.
Dass die Zivilgesellschaft durchaus in der Lage ist, sich selbst zu organisieren, beweist das Netzwerk Selbsthilfe, das sich bereit 1978 nach dem Deutschen Herbst gegründet hat.

Welche Rolle spielen dann noch Staat und Markt?

Der Staat hat die Aufgabe, das Gemeinwohl zu stärken. Müssen alle Versorgungsleistungen durch den Staat erbracht werden? Wie wäre es, wenn der Staat noch weitere Aufgaben an die Zivilgesellschaft abgibt? Im Falle dessen müssten parallel dazu vom Staat aus diese Tätigkeiten der Zivilgesellschaft vergütet werden.
Wichtig ist, dass die Strategien hierbei nicht von der Politik vorgegeben werden, sondern dass Entscheidungen bottom-up gemeinschaftlich getroffen werden können. So entstehen kollaborative Netzwerke zwischen Staat und Zivilgesellschaft.

Wenn man den Medien folgt, gewinnt man den Eindruck. Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Blockchain und Open Data seien die größten Herausforderungen der Digitalisierung. Stimmt das?

Das sind auf jeden Fall große Herausforderungen, insbesondere die künstliche Intelligenz. Die hat das Zeug, die „Gattungsfrage“ zu stellen – inwieweit wir Menschen in dieser Gesellschaft wirklich gebraucht werden. Das ist eine Frage, die auf uns alle zukommen wird.

Mit „künstlicher Intelligenz“ ist es bereits heute möglich, Big Data mit Auswertungs-Algorithmen (z.B. Deep Learning) zu kombinieren und so Systeme zu bauen, die selbstständige Entscheidungen treffen. China hat als erstes Land bereits damit begonnen, ein KI-gestütztes Scoring-System zu realisieren. Überspitzt gesagt hat China so mit Hilfe der Digitalisierung den „Kommunismus möglich gemacht“.
Der Staat hat dadurch Zugriff auf seine Bürger und das geht über alles hinaus, was wird bereits kennen. Der Freiheitsbegriff, wie wir ihn verstehen, geht dadurch verloren. China bewegt sich derzeit auf eine „schöne neue Welt“ zu, in welcher der Staat alles vorschreibt.

zur künstlichen Intelligenz: „[…] inwieweit [werden] wir Menschen in dieser Gesellschaft wirklich gebraucht?“

Man kann sich die Frage stellen – welcher Staat folgt China? Auch wir müssen uns mit demokratierechtlichen Fragen auseinandersetzen: was macht Freiheit, Privatsphäre, Souveränität und informationelles Selbtbestimmungsrecht aus und wie können wir es schützen?
Unsere Freiheiten sind uns nicht in den Schoß gefallen. Die Freiheitsgrade haben wir erkämpft und sie müssen verteidigt werden.

Durch künstliche Intelligenz und Automatisierung wird Arbeit auch neu definiert werden müssen. Wenn die Erwerbsarbeit keine zentrale Rolle mehr in unserer Gesellschaft hat, dann geht sozusagen der „Kitt der Gesellschaft“ verloren. Was wird der dann neue Kitt sein, der uns zusammenhält? Darauf gibt es aber keine einfache Antwort.

Zukunft der Zivilgesellschaft – (c) D2030 gUG
Quelle: https://www.d2030.de/d2030-die-zukunftskonferenz/

Welche alternativen Lösungsansätze erscheinen Dir derzeit am vielversprechendsten?

Trotz aller Kritik – es gibt es noch genügend Menschen mit guten Ideen. Das macht Hoffnung.

Diese guten Ideen brauchen Platz und Raum für Erprobung. Es ergibt aber keinen Sinn, sich nur in seiner Nische aufzuhalten – wir brauchen parallel dazu einen übergreifenden gesellschaftlichen Diskurs.
Bislang gibt es nicht den „großen Plan“, sondern mehrere Teillösungen. Wichtig ist das gemeinsame Tun und der Austausch untereinander. Alle sprechen z.B. von Open Innovation, Open Source usw. Der Wissenstransfer zwischen den Bereichen wie Wohnen, Arbeiten, Energie usw. muss kontinuierlich gegeben sein.

Das beinhaltet eine Kultur der freien Entfaltung und der Toleranz für unterschiedliche Meinungen. Nur in diesem Geiste ist eine zukunftsfähige Entwicklung möglich.

Welche alternativen Lösungsansätze sind in Deinen Augen Irrwege?

Wenn jemand behauptet, er kenne den richtigen Weg oder „die Wahrheit“. Da werde ich hellhörig und vorsichtig.

Was auch in eine Sackgasse führt ist, wenn Entscheidungen über die Köpfe vieler Menschen hinweg getroffen oder einseitige Interessenspolitik bzw. massiver Lobbyismus betrieben werden.

Was es aus meiner Sicht stattdessen braucht, sind Toleranz und eine kontinuierliche Gesprächsbereitschaft mit der Bevölkerung. Wichtig sind auch gemeinsames Tun, Lernen und Teilen.

Wie kann ich als Einzelner nun aktiv werden?

Zunächst einmal zum Thema Zeit und Geld. Die Arbeiterbewegung hat es im 19. Jahrhundert auch geschafft, für ihre Rechte zu kämpfen – und das bei einem Arbeitstag von 14 bis 16 Stunden.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Kleinen und im Großen zu engagieren, im Kleinen vielleicht eine Fahrgemeinschaft zu bilden oder der älteren Dame im eigenen Haus zu helfen, im Größeren den öffentlichen Nahverkehr weiter zu entwickeln, Plastik als Verpackungsmaterial zu ersetzen usw.

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, dann finden sich schon Möglichkeiten. Ein stückweit Eigeninitiative können wir den Menschen schon abfordern. Und kreative Ideen gibt es genug.

Zwar haben wir aktuell keinen „Gründerboom“, aber es gibt genug Engagierte, die etwas tun und andere Leute somit inspirieren.
Auch wenn es derzeit nicht wie eine Revolution aussieht, so können Wenige trotzdem vieles bewirken.

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