Interview mit Christof Lützel

Von Demeteräpfeln zu internationalem Investment

Christof Lützel – Foto: GLS-Bank

BioFach 2015 in Nürnberg – Interview mit Christof Lützel, seit über 15 Jahren Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der GLS-Bank.

ecofairpr: Vielleicht mögen Sie, bevor wir zu Ihrem beruflichen Umfeld kommen, erst mal zwei, drei Sätze zu sich erzählen?

Aufgewachsen bin ich in Süddeutschland. Meine Eltern gehörten zur Generation der ersten Ökos. Es gab in unserem Dorf immer vier, fünf grüne Wählerstimmen, und das ganze Dorf wusste genau, wer die sind. Darunter waren meine Eltern. Wir waren natürlich die Spinnerten, die die teuren Demeter-Äpfel gekauft haben für 4,50 DM, die ein bisschen verschrumpelt waren. Aber das hat mich natürlich geprägt. Ich bin auch Waldorf-Schüler, war auch in dieser Antro-Szene  drin, und daher kannte ich die GLS-Bank sehr früh, schon Anfang der 80er Jahre. Mein Vater hat einige Jahre, nachdem die GLS-Bank eröffnet worden war, seine Spargelder dahin transferiert, damals hatte die GLS-Bank noch keine Girokonten. Und dann sind mir in den 90er Jahren, als ich in Stuttgart lebte, immer wieder Menschen begegnet, die bei der dortigen Filiale der GLS-Bank gearbeitet haben. Mit einigen war ich befreundet, und die haben immer wieder begeistert erzählt, was sie machen. Ich selbst war damals viele Jahre bei der Robert Bosch Stiftung im Projektmanagement in Stuttgart tätig …

ecofairpr: Das heißt, Ihr Hintergrund ist, dass Sie irgendetwas Richtung Management studiert haben?

Ich habe von Haus aus Politikwissenschaft, Geschichte und Jura studiert und in Tübingen abgeschlossen. Ich war immer dem Baden-Württemberger „Ländle“ treu und habe eigentlich gedacht – weil ich auch in Frankreich zeitweise in der Schule war –, dass ich eventuell in die Richtung deutsch-französische Beziehungen gehe. Deswegen war ich auch bei der Robert Bosch Stiftung: Die hatten eine schöne Abteilung für Völkerverständigung mit Schwerpunkt auf den deutsch-französischen Beziehungen, da habe ich gearbeitet. Also entweder Stiftung oder deutsch-französische Beziehungen oder Europa, das mich auch sehr interessierte. Das war so meine Ausrichtung früher als Politikwissenschaftler. Ich habe dann bei der Robert Bosch Stiftung kennen gelernt, was man heute Presse-/Öffentlichkeitsarbeit nennt. Damals hatte die Robert Bosch Stiftung gar keine entsprechende Abteilung, aber ich habe in diesen Bereichen gearbeitet. Ich habe Hausführungen gemacht, habe Projektreisen als Führer begleitet, habe auch ein deutsch-französisches Chefredakteurstreffen maßgeblich mitorganisiert, und bin dadurch in den Bereich Presse-/Öffentlichkeitsarbeit hineingerutscht. Und als die GLS-Bank dann jemanden suchte, der das hauptberuflich machen sollte – Pressesprecher und Leiter Öffentlichkeitsarbeit in Bochum –, habe ich mich dafür beworben und bin vor über 15 Jahren auch eingestellt worden.

ecofairpr: Und Sie leben jetzt auch in Bochum?

Ich lebe in Bochum, der Hauptsitz der Bank ist in Bochum, deswegen muss ich als Pressesprecher auch da sein, wo die Musik spielt, wo der Vorstand sitzt. Außerdem gehöre ich dem Führungsgremium der GLS-Bank an, dieser ersten Führungsebene. Das sind etwa 30 Menschen, die für die Geschicke der Bank verantwortlich sind. Deswegen lebe ich in Bochum, ich habe auch eine Bochumerin geheiratet, vor eineinhalb Jahren haben wir ein Kind bekommen – ja und deswegen bin ich jetzt auch in Bochumverwurzelt und finde Bochum gar nicht so schlecht, wie der Ruf ist. Der Ruf ist schlechter, als Bochum schön ist.

ecofairpr: Das hört man öfters. Gerade in den letzten Jahren hat sich wohl, was die Stadtentwicklung angeht, viel verändert und viel getan.

Ja. Die GLS-Bank ist übrigens inzwischen auch ein recht interessanter Arbeitgeber. Wir haben in Bochum über 400 Arbeitsplätze geschaffen, und haben alleine im letzten Jahr 70 Leute eingestellt.

ecofairpr: Ich hätte nicht gedacht, dass es mittlerweile 400 sind.

550 insgesamt, wir haben ja 7 Standorte in Deutschland und arbeiten bundesweit. Wir haben Filialen in München, Freiburg, Stuttgart im Süden, Frankfurt in der Mitte, Hamburg im Norden und Berlin natürlich, in der Hauptstadt sind wir auch vertreten. In Bochum sind es 400, 430 Mitarbeiter, der Rest sitzt in den Filialen.

ecofairpr: Ich weiß nicht, wie viele Menschen wissen, dass die GLS-Bank eine vereinsarbeitende Struktur hat und auch eher von der Basis organisiert sein möchte. Wenn es ein bisschen mehr darum geht, die GLS-Bank von der Philosophie und von der Ausrichtung her zu verstehen – vielleicht möchten Sie das mal näher erläutern?

Die GLS-Bank ist 1974 als Genossenschaftsbank gegründet worden. Wir haben inzwischen 38.000 Mitglieder, und das ist die tragende Säule unserer Bank. Die GLS gehört eben nicht fünf oder acht reichen Menschen, sondern sie gehört 38.000 Mitgliedern. Jeder Kredit, der ausgegeben wird, muss unterlegt sein mit Genossenschaftskapital, und dafür sorgen die Mitglieder. Sie zeichnen Anteile, bekommen dafür natürlich eine Dividende, die übrigens interessant ist in diesen zinslosen Zeiten … Und darüber hinaus haben wir viele weitere Kunden, insgesamt 190.000 Kunden und Mitglieder. Denn man kann auch Kunde sein, ohne Mitglied zu sein, aber wir wünschen uns natürlich, dass immer auch Kunden dabei sind, die sagen: Ich gehe noch einen Schritt weiter, ich möchte zu dieser tragenden Säule dazugehören und die Bank auch durch Eigenkapital stützen. Dieser Genossenschaftsgedanke war vor 40 Jahren aktuell – wir haben letztes Jahr großes Jubiläum gehabt –, und er ist es heute auch noch, vielleicht ist er sogar aktueller denn je.

ecofairpr: Sie haben ja die Option, dass jeder/jede, der/die zu Ihnen kommt, entscheiden kann, wofür sie das Geld einsetzen möchten. Vielleicht können Sie noch mal etwas zu den Themenkomplexen und Themenfeldern ausführen.

Die GLS-Bank finanziert die Bereiche, die von Menschen gebraucht werden. Also wenn ich das Thema Wohnen nehme zum Beispiel Wohnprojekte, aber es kann auch die Eigentumswohnung sein. Das kann der Bereich regenerative Energien sein, wo wir sagen, es ist wichtig, dass es Alternativen gibt zu Atomkraft und Kohlekraftwerken. Wir stehen heute an einem eigentlich interessanten und guten Punkt: Fast 25 Prozent aller Energie ist inzwischen schon regenerativ; es hätte vor 15 Jahren keiner gedacht, dass wir das hinkriegen. Da ist der Bereich ökologische Landwirtschaft, der immer wichtiger wird. Immer wichtiger deswegen, weil wir ein Importland sind. Wir importieren wahnsinnig viele Ökoprodukte und produzieren gerade in Deutschland viel zu wenig davon. Deswegen sehen wir auch da viel Finanzierungsbedarf, wir haben viele Anfragen und machen viel. Und da ist der ganze Bereich Naturkosthandel und Naturkostherstellung. Dann der Bildungsbereich, wo wir sehr aktiv sind mit Schulgründungen, auch Kindergärten – ob das Montessori- Kindergärten sind oder Waldorf-Kindergärten –, aber eben immer in privater Trägerschaft, auch viele Vereine, viele Genossenschaften, gemeinnützige Vereine. In diesen Bereichen sind wir aktiv, das ist unser Kerngeschäft. Das war vor 40 Jahren so, das war vor 20 Jahren so und aus meiner Sicht wird es auch in 20, 30 und 40 Jahren noch so sein.

ecofairpr: Wie sehen Sie die Thematiken, die uns ja alle sehr umtreiben, Richtung Globalisierung, Europäisierung? Auch als GLS-Bank sind Sie ja wahrscheinlich mit der Thematik, wie geht’s mit Europa weiter, wie mit den umliegenden Gebieten und weitergehend mit den Problematiken, die wir jetzt gerade in Richtung Freihandelsdiskussion, TTIP etc. haben, befasst?

Sie sprechen sehr viele Themen auf einmal an. Zunächst einmal: Was uns als Bank beschäftigt, sind eigentlich drei Bereiche: Das ist das Thema Regulatorik, wir sind immer mehr eingeengt durch regulatorische Maßnahmen, die von außen kommen. Das ist die Niedrigzinsproblematik: Wir haben einen ruinösen Wettbewerb im Kreditgeschäft und ein nicht mehr vorhandenes Geschäft im Einlagenbereich, d. h. wir können unseren Kunden praktisch keine nennenswerten Einlagenzinsen mehr zahlen, der Markt ist an der Stelle auch durch die Maßnahmen der EZB weggebrochen. Und dann ist natürlich eine Herausforderung der Zukunft die Digitalisierung, und die Banken müssen sich an der Stelle bewegen: Der Zahlungsverkehr ist nicht mehr ein Monopol der Banken. Das sind so die Herausforderungen für uns als Bank. Was Sie noch angesprochen haben, das Freihandelsabkommen mit den USA, TTIP …

ecofairpr: Bevor wir dazu kommen, vielleicht erst noch die europäische Sicht: Wie sehen Sie Ihre Bank, die ja aus Deutschland kommt und bisher nur in Deutschland tätig ist, im Blick auf Europa, das immer mehr zum Binnenmarkt wird?

Die GLS-Bank macht 99 Prozent ihres Geschäftes wirklich in Deutschland. Da ist übrigens der Markt noch längst nicht erschlossen. Wir gehen davon aus, dass 15-16 Millionen von den 82 Millionen Menschen grundsätzlich offen sind für grüne Geldanlagen. Wir sind natürlich auch in Europa vernetzt, wir sind international vernetzt. Wir haben vor einigen Jahren die GABV (Global Alliance for Banking on Values) mitgegründet, wo sich Nachhaltigkeitsbanken, weltweit arbeitend, zusammengeschlossen haben. Es gibt also für uns als Bank in Europa Vernetzungen, internationale Vernetzungen, es gibt auch seit vielen Jahren in den moisten europäischen Staaten grüne Banken, wie die Banca Etica in Italien oder die Triodos Bank in Holland, die auch Filialen in Belgien, Spanien und in England unterhält.

ecofairpr: Die sind ja auch sehr europäisch ausgerichtet …

Die sind sehr europäisch ambitioniert und ausgerichtet, sind da wirklich erfolgreich.

ecofairpr: Sehen Sie diese Banken als Mitbewerber oder als Partner?

Das sind Mitbewerber, genau.

ecofairpr: Schauen wir jetzt noch mal auf die Frage mit dem Freihandelsabkommen, TTIP etc. Wenn man das generell Richtung Globalisierung betrachtet – ich meine, es ist fast eine rhetorische Frage: Wo positioniert sich da die GLS-Bank?

Was mit solchen Verträgen passieren soll, ist ja immer eine Verwässerung und eine Abflachung dessen, was unsere Kernwerte sind, und die sind dunkelgrün. Deswegen ist das hochproblematisch. Man nivelliert eigentlich ein Niveau, das Firmen, die wirklich nachhaltig sind, die dunkelgrün sind wie wir und andere, schon seit 20, 30 Jahren oder seit ihrer Gründung erreicht haben. Hinter solche Ziele fällt man mit solchen Abkommen wieder zurück. Da sind wir natürlich nicht begeistert, um es vorsichtig zu sagen.

ecofairpr: Sind Sie aktiv in der Positionierung, versuchen Sie, in irgendwelchen Zusammenschlüssen Einfluss darauf zu nehmen, was dort geschieht?

Die GLS-Bank ist seit Jahren sehr gut vernetzt mit vielen NGOs in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. Wir führen Gespräche. Soweit das überhaupt von uns als kleine bis mittelgroße Bank zu beeinflussen ist, tun wir das natürlich. Aber da wachsen die Bäume natürlich nicht in den Himmel, und es wäre sehr vermessen zu glauben, dass wir einen ernsthaften Beitrag zu irgendwelchen Veränderungen dieser Entwicklung leisten könnten.

ecofairpr: Kommen wir zu einem ganz anderen Themenkomplex: Ich vermute, dass viele interessieren wird, welche Einschätzung Sie im Blick auf Zukunftsentwicklungen abgeben. Wenn wir mal darauf schauen, was der Nachhaltigkeitsbereich in den letzten 15 Jahren war: Sie haben schon den Anteil der regenerativen Energien erwähnt – und ich glaube, wir alle waren sehr traurig und sehr überrascht wegen der dramatischen Ereignisse in Fukushima. Man kann, glaube ich, den Trend schon sehr klar sehen, dass es staatlicherseits heute um Nachhaltigkeit geht. Wie, denken Sie, geht es in diesem Bereich weiter, und wie sehen Sie das im Verhältnis zur Problematik der Wachstumsfrage generell? Also der Frage: Brauchen wir denn immer Wachstum, und wie sehen Sie das für die GLS- Bank?

Also zunächst mal zu den regenerativen Energien: Ich finde es sehr traurig, dass es inzwischen nur noch um die Kostenfrage geht. Natürlich kostet so ein Riesenumbruch, wie wir ihn mit der Energiewende vorhaben, sehr viel Geld. Aber wenn bei uns ein Atomkraftwerk hochgehen würde, und das ist ja jederzeit möglich, dann haben wir so gewaltige Kosten, dagegen ist, was die Energiewende kostet, ein Klacks. Das ist das eine, und das andere ist natürlich, dass die Atomindustrie der letzten Jahrzehnte so schweineteuer war, das sind so immense Zahlen, da wird einem ganz schwindelig, und das kostet übrigens immer noch. Auch die ganze Frage der Entsorgung ist nicht geklärt. Deswegen ist es immer so traurig, dass darauf hingewiesen wird, dass die Steuerzahler jetzt so furchtbar viel reinbuttern müssen, wobei es gar nicht so furchtbar viel ist. Aber es wird halt immer die Gesamtsumme genannt, und da steht für 2014 die Zahl 1,7 Milliarden im Raum. Das mag sogar stimmen, aber wenn wir als reiche Nation das nicht stemmen – wenn nicht wir, wer dann? Wir haben da auch eine Vorbildfunktion, und das sollte es uns wert sein. Und wenn wir in Deutschland zeigen könnten mit Mut und Engagement und unternehmerischem Denken, dass das funktionieren kann, dann würden andere folgen – und dann würden wir die Energiewende nicht nur in Deutschland, sondern in Europa auch wirklich schaffen.Und zu der anderen Frage nach dem Wachstum, zunächst einmal überhaupt zum Begriff Wachstum: Wachstum ist an sich nichts Schlechtes. Es kommt immer darauf an, für welche Bereiche man Wachstum hat. Dass die GLS-Bank gewachsen ist, und zwar sehr stark gewachsen ist im letzten Jahrzehnt, das haben die Mitglieder und die Kunden ja sehr gut gefunden. Und ich übrigens auch. Wir hatten große Wachstumszahlen in den letzten Jahren, wir sind 2014 circa um 15 Prozent gewachsen. Wir gehen auch davon aus, dass wir in den nächsten Jahren im positiven Bereich bleiben werden. Es muss nicht immer so sein wie in den Jahren 2008, 2009 rund um die Wirtschaftskrise, dass es 30, 32, 35 Prozent sind, aber Wachstum wird wahrscheinlich möglich sein. Wird eben auch mal nur einstellig sein, aber das ist positiv. Weil es eine positive Sache ist, die sich positiv entwickelt, nämlich eine dunkelgrüne Bank, die eben wächst. Von daher habe ich persönlich mit dem Wachstumsbegriff nicht grundsätzlich Schwierigkeiten, sondern nur da, wo etwas auswuchert und wächst, wo es nicht wachsen soll.

ecofairpr: Bleibt noch die Frage, ob es denn 2000 Nachhaltigkeitsbanken geben müsste. Wie sehen Sie Ihre Positionierung gegenüber – sagen wir es mal ganz neutral – parallel arbeitenden Wertigkeitsbanken?

Wir liegen ja momentan in Deutschland bei 1,2 Prozent Geldanlagen, die grün angelegt sind. Und da sind sogar die Fonds, die andere Banken anbieten, die mal mehr mal weniger dunkelgrün sind, manchmal sogar sehr hell- bis orangegrün, schon dabei. 98,8 Prozent aller Geldanlagen werden also ganz konventionell angelegt, da ist noch viel, viel Luft nach oben!

Es gibt in Deutschland ja auch kaum Banken, die in dem Bereich tätig sind. Da ist die Umweltbank hier in Nürnberg, es gibt die Ethikbank in Thüringen, die ein Tochterunternehmen einer Volksbank ist, es gibt die Triodos Bank mit einer Filiale in Frankfurt, und es gibt Kirchenbanken, die da so ein bisschen unterwegs sind. Aber ansonsten ist da ja nicht so viel. Und deswegen gibt es nach oben hin großes Potenzial, was wir selbstverständlich begrüßen.

ecofairpr: Auch wenn andere jetzt an den Start gehen würden, die in eine ähnliche Richtung gehen? Es gibt ja auch die Überlegung von klassischen Banken, diese Felder mit zu besetzen …

Wenn es kein Greenwashing ist und wirklich ernst gemeint, nicht nur eine Marketingkampagne, dann sind wir grundsätzlich positiv gestimmt. Es ist allerdings so: Wenn Sie mit 95 Prozent Ihrer Möglichkeiten Schweinereien finanzieren, und dann so ein paar Prozent grün machen, damit es nicht ganz so auffällt – das finde ich sehr schwierig.

ecofairpr: Eine Frage, die ein bisschen mehr noch abzielt auf Ihre eigene Corporate Identity: Ich vermute mal, eine Facebook-Präsenz hat die GLS-Bank auch. Ich weiß nicht, wie Sie diese ganzen Medien selbst einschätzen und nutzen, im Zeitalter von NSA und Snowden. Aber da wäre die Frage: Sind es in Richtung Google, Amazon, etc. große Bauchschmerzen, die Sie haben, und nutzen Sie die Medien trotzdem und sagen: Augen zu und durch! Oder wo stehen Sie bei diesem Komplex? Das gilt natürlich auch für die Zusammenarbeit mit PR- und Medien-Agenturen.

Letztlich ist das eine Frage, die sich an alle Menschen richtet: Wie will man mit Fragen wie Transparenz umgehen. Wie transparent mache ich mich, was stelle ich rein in diese Social-Media-Bereiche oder in diese Kanäle, was gebe ich da preis? Wenn ich daran denke, 1987 sind wegen der Volkszählung alle auf die Straßen gegangen – damals sind der Name und die Adresse erfasst worden –, darüber kann man ja heute nur noch lachen. Und deswegen: Es muss jede Firma, jedes Unternehmen und jeder Mensch für sich klären, wie gehe ich damit um …

ecofairpr: Wie macht es denn die GLS-Bank?

Naja, momentan sind wir auf Facebook. Wir waren die erste twitternde Bank in Deutschland, wir sind da aktiv, und wir sind natürlich auch aufmerksam, was da passiert. Aber letztlich sind wir dabei, weil wir glauben, dass man sich dem momentan auch nicht entziehen kann. Die Menschen wollen über diese Kanäle mit uns kommunizieren, da ist jeden Tag ein Druck – und wenn wir das nicht beantworten würden, dann wären wir so was von vorgestern, das können wir uns gar nicht erlauben.

ecofairpr: Gibt es eine Positionierung innerhalb der GLS-Bank zu alternativen Ansätzen? Es gab ja die Entwicklung schon bei Open Street Maps – bestes Beispiel, wie es vielleicht auch anders gehen kann. Gibt es etwas in dieser Richtung von Seiten der GLS- Bank? Sie sind ja immerhin auch Meinungsmacher oder Tatsachenmacher.

Also wir sind da sehr wach, wir haben ja – dazu gehöre ich übrigens nicht – ein, zwei Leute, die wirklich fit sind im Bereich Social Media, die diese ganzen Alternativen, die es zum Beispiel zu Facebook gibt, genau untersuchen, und die auch immer wieder Angebote einholen bzw. den Markt sondieren. Wir sind da offen, und wenn es irgendwann so etwas wie ein fair phone im Social-Media-Bereich geben sollte, dann sind wir da natürlich gerne vorne mit dabei. Momentan ist das noch nicht soweit, aber klar, wir können uns das vorstellen.

ecofairpr: Wie ist es mit den Dingen, wo Sie sagen würden: Hier haben wir selbst noch Kritik an unserem Verhalten? Denn es ist doch klar. Die GLS-Bank ist für jeden, der sich ein bisschen auskennt, ein angenehmer „Brand“, positiv aufgeladen etc. Aber ich vermute mal, es gibt auch Bereiche, wo Sie sagen würden: Hier sehen wir uns selbst eher kritisch. Würden Sie da in der Öffentlichkeit Dinge benennen?

Also es gibt ja immer wieder mal den Fall und Diskussionen, dass wir in Bezug zum Beispiel auf finanzierte Projekte gefragt werden: Warum macht ihr denn das? Klar, wir diskutieren sowohl intern Projekte, die wir finanzieren, als auch extern, wenn wir gefragt werden. Herr Jorberg, unser Vorstandssprecher, geht gerade durch alle Filialen und spricht mit den Mitgliedern, und da kommen alle möglichen Fragen. Klar sind wir da im Gespräch und schauen uns auch selbst immer wieder kritisch an.

ecofairpr: Möchten Sie mal ein Beispiel dafür nennen?

Ja, ein Beispiel fällt mir ein, das wir auch intern diskutiert haben. Wir hatten mal eine Finanzierungsanfrage für einen konventionellen Schweinemastbetrieb mit einer Solaranlage auf dem Dach. Solaranlage auf dem Dach, das konnten wir nachvollziehen, die Schweinemast untendrunter nicht, und das haben wir dann auch nicht finanziert. Also es gibt natürlich immer wieder Fälle, wo wir uns fragen: Sollen wir das finanzieren, ist das richtig, was ist das kleinere Übel? Und das diskutieren wir intern im Hause in den entsprechenden Gremien, aber auch extern mit dem Kunden.

ecofairpr: Okay, dann hätte ich zum Schluss noch die Frage: Wo sehen Sie die GLS-Bank in 5 Jahren?

Also ich bin ja kein Prophet, aber ich hoffe, dass wir uns weiterentwickeln, dass wir die Herausforderungen Digitalisierung, Regulatorik, Niedrigzins gut bewältigen, dass wir nach wie vor neue Kunden und Kundinnen dafür gewinnen können, bei uns zu sein. Es ist ja eine Community, die attraktiv ist, die Sog entwickelt hat in den letzten Jahren. Es sind momentan über 2000 Menschen im Monat, die zu uns kommen, und ich hoffe, dass das in den nächsten 5 Jahren auch so weitergeht.

Herr Lützel, herzlichen Dank für das Interview!


Die Transkription erfolgte durch
Dr. Ursula Ruppert, Deutsches Lektorenbüro Würzburg – http://deutsches-lektorenbuero.de

Das Interview im Auftrag von ecoFAIRpr wurde geführt von
Andreas Sallam, greennet project UG / Freie Kommunikation und nachhaltiger Lebensstil e.V. (frekonale e.V.) – https://greennetproject.org/de sowie www.digitalbuilders.eu


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