Stadtgestalten – Plattform zur lokalen Vernetzung engagierter Menschen

Was passiert eigentlich in meiner Stadt und welche lokalen Gruppen und AkteurInnen gibt es? Auf diese Frage gibt „Stadtgestalten“ eine Antwort. Auf der Vernetzungsplattform für Rostock können sich Menschen finden und gemeinsame Projekte umsetzen.

Wir haben mit Robert aus Rostock gesprochen, um einen Einblick in diese Plattform zu gewinnen.

Dieser Artikel ist der achte Artikel unserer Themenreihe „Digitale Vernetzung der Wandelbewegung„.

Beschreibe in max. 3 Sätzen das Projekt, an dem Du gerade arbeitest.

Stadtgestalten ist eine Plattform, die einerseits die Alternativszene Rostocks darstellt und vernetzt. Andererseits werden Werkzeuge für Gruppen zur Verfügung gestellt, damit sie sich einfacher organisieren können.

Die Software wurde ursprünglich für Rostock entwickelt, lässt sich aber auch problemlos für andere Städte verwenden, z.B. Greifswald.

„Stadtgestalten“ ist die Plattform für Rostock, die für Greifswald heißt „Stadtimpuls“ und die Software dahinter heißt bisher auch „Stadtgestalten“.

Nutzt Ihr eine bestehende Plattform-Lösung oder entwickelt Ihr etwas eigenes?

Die Software ist eine Eigenentwicklung.

Warum habt Ihr Eure Entscheidung so getroffen?

Zum Zeitpunkt unserer Recherchen haben wir keine Software gefunden, die unseren Bedürfnissen entsprach. Unsere Kriterien waren dabei besonders, dass es sich um eine nicht-kommerzielle Open Source Lösung handeln muss, die sich lokal für eine Stadt aufsetzen lässt.

Was ist der Zweck der Plattform, die Ihr einsetzt?

Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, größere Öffentlichkeitswirkung sozial-ökologischer und anderer alternativer Projekte und natürlich die Unterstützung von Initiativen durch die Bereitstellung von praktischen Online-Tools.

Die vier Hauptmerkmale von Stadtgestalten in Piktogrammen

In welchem Stadium befindet sich die Plattform (Idee, Prototyp, fertiges Produkt)?

Die Software ist ein fertiges „Produkt“ und erfährt regelmäßige Updates.

Für welche Zielgruppe ist die Plattform gedacht?

Stadtgestalten Rostock hat alle BürgerInnen Rostocks als Zielgruppe, die aktiv zum Stadtgeschehen beitragen wollen oder einfach nur mitbekommen wollen, was in ihrer Stadt so passiert.

Dadurch, dass sich die Software auch in anderen Städten einsetzen lässt, gilt das natürlich auch für jede andere Stadt, die so etwas zur Verfügung stellen möchte.

Wie erreicht Ihr Eure Benutzer?

Zum einen durch die Plattform selbst, zum anderen sehr viel über persönliche Kontakte. In Rostock bin ich bspw. sehr gut vernetzt und in vielen Initiativen aktiv. Dadurch kenne ich einfach sehr viele Menschen, die ich auf die Plattform aufmerksam gemacht habe.

Seit kurzem gibt es auch dieses Erklärvideo, wo Stadtgestalten Rostock vorgestellt wird:

Wie groß ist die Community der Plattform und wie aktiv ist diese?

Stadtgestalten hat knapp 1.000 BenutzerInnen (die nennen wir übrigens „Gestalten“), die in 132 Gruppen organisiert sind und insgesamt 2.327 Beiträge verfasst haben.

Im Schnitt gibt es täglich mindestens einen neuen Beitrag und jede Woche etwa 2 bis 3 öffentliche Veranstaltungen.

Die Greifswalder Community von Stadtimpuls ist noch ganz neu und daher etwas kleiner mit etwa 100 Gestalten, 28 Gruppen und ein bisschen mehr als 300 Beiträgen.

Hat die Plattform einen thematischen Schwerpunkt?

Keinen thematischen, lediglich einen geografischen, nämlich Rostock. Ansonsten können alle möglichen Themen aus dem breiten Spektrum alternativer Lebensstile abgedeckt werden. Hier organisieren sich z.B. die lokale Hackergruppe, die Foodcoop, eine Solawi-Community, Foodsharing, ein Gemeinschaftsgarten u.v.m.

Es gibt auch ein freies Lastenrad in Rostock. Mit Hilfe der zugehörigen Stadtgestalten-Gruppe kann sich die Community organisieren und Interessierte können auf dem Laufenden bleiben.

Für das freie Lastenrad „Helge“ gibt es eine eigene Gruppe.

Was sind die Kernfunktionen der Plattform?

Wenn ich Stadtgestalten aufrufe, sehe ich erst einmal alle öffentlichen Beiträge und Veranstaltungen, die es in Rostock so gibt, und auch eine Liste von Gruppen, die in Rostock aktiv sind.

Sobald ich mich anmelde, habe ich die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten. Ich kann eigene öffentliche oder gruppeninterne Beiträge schreiben, Veranstaltungen eintragen oder Bilder hochladen.

Wenn ich in einer bestimmten Gruppe tätig sein möchte, kann ich entweder Gruppenmitglied werden oder einfach nur die News dieser Gruppe abonnieren. Innerhalb einer Gruppe gibt es eine Art Forum, das wir „Gespräche“ nennen – also aktuelle Themen, die dort diskutiert werden können. Zusammen mit der automatisch bereitgestellten Steuerung per E-Mail lassen sich die „Gespräche“ gleichzeitig wie eine Mailingliste verwenden.

Jede Gruppe hat die Möglichkeit, sich mit Hilfe einer Mini-Homepage selbst zu präsentieren und natürlich einen eigenen Veranstaltungskalender zu führen, Artikel zu veröffentlichen, Bilder oder Dateien hochzuladen und Umfragen durchzuführen.

Die Seite der BUND Kreisgruppe Rostock enthält eine Übersicht von Kontaktdaten, aktuellen Beiträge und Veranstaltungen.

Zu den Funktionen habe ich auch einen Artikel geschrieben, den man sich hier im Detail durchlesen kann.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Plattform?

Es ist die verbreitetste Plattform in Rostock und wird gut angenommen.

Gibt es ähnliche Plattformlösungen / Mitbewerber?

Ja, wir haben mal alle Plattformen gesammelt, die etwas ähnliches tun und hier dokumentiert.

Nicht alle der dort aufgelisteten Plattformen oder Tools sind bereits einsatzfähig. Von Communecter haben wir vor einer Weile etwas gehört. Zum damaligen Zeitpunkt waren die Informationen allerdings ausschließlich auf Französisch verfügbar. Mittlerweile ist viel davon ins Englische und teilweise ins Deutsche übersetzt.

Wie ist der technische Aufbau der Plattform?

Die Anwendung ist in Python und Django geschrieben, verwendet Node.js und arbeitet mit einer PostgreSQL-Datenbank.

Ist die Plattform eine Open-Source-Lösung?

Ja, wir entwickeln in unserem eigenen Repository: https://git.hack-hro.de/stadtgestalten/stadtgestalten

Der Code wird auch nach GitHub gespiegelt: https://github.com/stadtgestalten/stadtgestalten

Die Lizenz heißt „AGPL“, falls das jemanden interessiert ;-).

Hat die Plattform Schnittstellen?

Es gibt einen iCal-Export, um alle Veranstaltungen einer Gruppe zu abonnieren. Außerdem können wir Beiträge von anderen Websites automatisch übernehmen, wenn diese einen RSS-Feed bereitstellen. Eine Übernahme von Terminen via iCal ist geplant.

Der Veranstaltungskalender bietet eine Übersicht über anstehende Events in Rostock. Je Gruppe lässt sich der Terminkalender mittels iCal exportieren.

Wie ist das Geschäftsmodell der Plattform?

Das Konzept der Software wurde von der Hansestadt Rostock mitfinanziert. Die Entwicklung ist durch persönliches Engagement und Drittmittel finanziert worden, es gab dazu eine Förderung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) – über den Prototype-Fund konnten wir uns ein halbes Jahr lang finanzieren. Prinzipiell verdienen wir aber kein Geld mit der Plattform. Sie ist kostenlos und werbefrei und soll es auch bleiben.

Was ist die Historie der Plattform?

Stadtgestalten wurde 2008 gegründet. Eine Drupal-basierte Version war einige Jahre online. Nach längeren Recherchen begannen wir Ende 2015 mit der Neuentwicklung. Im Juni 2016 haben wir die Testphase begonnen und im September 2016 veröffentlicht.

Der Quelltext ist seit Beginn der Entwicklung in unserem Repository zugänglich.

Wer steht hinter der Plattform?

Hinter der Rostocker Plattform stehen der Verein Sense.Lab und eine engagierte Gruppe von Mitmachenden. Die Greifswalder Plattform hat eine eigene BetreiberInnen-Gruppe aus Greifswald. Die Entwicklung der Software wird hauptsächlich von drei Entwicklern getragen, einer davon bin ich.

Wo ist die Geschäftsstelle der Plattform?

Eine Geschäftsstelle gibt es in der Form nicht.

Welche Rechtsform haben die Macher?

Die Umsetzung wird vom Verein „Sense.Lab e.V.“ getragen. Dieser sitzt in Rostock und ist Trägerverein für eine Reihe gemeinnütziger Projekte.

Logo des Rostocker Vereins Sense.Lab – (c) Sense.Lab e.V. (CC BY-SA 3.0)

Wünscht Ihr Euch Unterstützung?

Wir freuen uns darüber, wenn die Software auch von anderen Städten genutzt wird. Dabei bieten wir gerne Unterstützung an. Auch über Unterstützung im Bereich der Programmierung würden wir uns freuen. Unter dem Stichwort „Stadtgestalten“ nehmen wir auch Spenden über unseren Trägerverein an.

Kooperiert Ihr mit weiteren Partnern?

Ja, wir sind mit mehreren Plattformen und Ortsgruppen in Gesprächen. Stadtimpuls Greifswald nutzt bspw. unsere Software und wir betreiben ihren Server.

Mit den MacherInnen von „Leipziger Ecken“ und „Nachhaltiges Leipzig“ sind wir z.B. auch im Gespräch, es gibt dazu auch schon entsprechende Gruppen auf unserer Übersichtsplattform: https://gestadten.org/.

Wir freuen uns über weitere Kooperationen mit anderen Netzwerken und Städten. Augenblicklich arbeiten wir aber ehrenamtlich ohne Förderung und können daher nicht Vollzeit weiterarbeiten.

Die Greifswalder Plattform stadtimpuls.org verwendet dieselbe Software wie Stadtgestalten.

Was sind die nächsten Schritte für die Plattform?

Aufgrund der ausgelaufenen Förderung planen wir derzeit keine größeren Erweiterungen, sondern arbeiten an der Pflege der Plattform sowie Unterstützung anderer Städte beim Test und der Einführung der Software.

Was ist Dein Fazit zur Plattform?

Stadtgestalten ist die Plattform für alle Menschen, die in der Rostocker alternativen Szene aktiv sein möchten. Also insbesondere Menschen, die neu in die Stadt kommen, aber auch „Schondagewesene“ sprechen wir damit an. Die Plattform wird bislang sehr gut angenommen und es macht Spaß, mit den NutzerInnen in Kontakt zu kommen. Wir werden auch weiterhin daran arbeiten, die Verbreitung innerhalb der Stadt voranzutreiben. Gerne unterstützen wir andere Städte in der Einführung einer solchen Plattform.

Ein Traum wäre, wenn ganz viele Städte solche Plattformen hätten und diese miteinander sprechen könnten. So wird es möglich, sich zu bestimmten Themen auch städteübergreifend auszutauschen. Es gibt z.B. in so gut wie jeder Stadt eine Foodcoop. Wenn sich mehrere Foodcoop-Gruppen städteübergreifend austauschen können, entsteht viel Raum für Synergien. So können sich thematische Netzwerke bilden, die sich gegenseitig unterstützen und so eine Verbreitung eines nachhaltigen Lebensstils fördern.

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